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Eine schicksalhafte Fehlentscheidung

Eine schicksalhafte Fehlentscheidung

Von Johanna Albrecht

Es ist Mittwoch, der Tag nach dem ersten Regen des beginnenden Herbsts auf Samos. Ich bin mit Fadil in einer griechischen Pizzeria am Piazza verabredet, um über sein Leben und seine Träume zu sprechen, woher kommt er und was treibt ihn hierher. Fadil wohnt seit Juni in einem kleinen Einzimmerappartment, angemietet von Space-Eye.

 

Fadil sieht angeschlagen aus, ihm geht es offensichtlich nicht gut. Seine Augen sind zugeschwollen, sein Körper ist von Sorgen gezeichnet. Damit wir uns besser verständigen können, kommt ein Freund hinzu, der besseres Englisch spricht. Die beiden erzählen mir, dass sie aus Palästina kommen. Wo ihre Eltern lebten, dort sei nun Israel, so wuchsen sie im Flüchtlingscamp in Gaza auf. Fadil hat fünf Brüder und vier Schwestern, und seine Eltern waren sehr streng. Gaza bietet nicht viel für Kinder, nach der Schule spielten sie mit Sand bis in die Nacht. „Den Eltern gehört unser Fleisch und die Knochen gehören den Lehrern“, erzählt Fadil mit einem Grinsen. Die Schule war hart, Bildung ist der einzige Ausweg, das wissen alle in Gaza. Fadil hat sein Päckchen des Schicksals früh bekommen, er und ein Bruder leiden seit dem Kindesalter an Leukämie. Für Fälle wie diesen gibt es in Gaza keine Therapiemöglichkeiten, geschweige denn Hoffnung.

Fadil gab nicht auf. Damals, erzählt er, war er ein junger gut aussehender Mann, dank Gott fand er eine Frau. Die beiden haben zwei Kinder zur Welt gebracht, ein Mädchen und ein Junge, beide gesund.

Als sich 2014 die Situation zwischen Gaza und Israel verschärfte, wurde das wenige, was die Familie besaß, vollends zerstört, sie wurden obdachlos. Durch Fadils Krankheitsgeschichte und die Vertreibung der Familie, wurde ihnen eine legale Ausreise nach Ägypten ermöglicht. In Kairo angekommen verkaufte Fadil die Ziegen, die Mitgift seiner Frau, um die Kosten für seine Behandlung und eine kleine Wohnung für seine Frau und die Kinder anzumieten. Er verbrachte ganze zwei Jahre im Krankenhaus, er brachte drei onkologische Behandlungen und zwei Operationen hinter sich. Ohne Einkommen hatten sie nichts zu essen und konnten die Kosten für seine Behandlung nicht weiter bezahlen.

Die Lage der Familie war prekär und die Verzweiflung war wie eine schwarze Wolke, die ihm das Licht nahm. Wenn er leben wolle, so beteuert er, war seine einzige Möglichkeit Europa. Dies wird sich im Weiteren als die größte Fehlentscheidung seines Lebens herausstellen, doch dazu kommen wir noch.

Fadil machte sich alleine auf den Weg und ließ seine Familie zurück, dies war vor fünf Jahren. Mit Hilfe kam er es bis nach Istanbul. Dort traf er eine Syrerin, die ihn in ihrer Textilfabrik zwischen den Maschinen auf dem Boden schlafen ließ. Dafür dass er nachts aufpasste, bekam er einen kleinen Lohn. Über sieben Monate konnte Fadil etwas ansparen.

Was dann folgte, ist die übliche Prozedur, von der mir jeder hier erzählt: Bewaffnete Schlepper, ein Schlauchboot – 8 m x 2 m – mit viel zu vielen Menschen, große Angst und Gottvertrauen. Sie brachen in der Nacht auf an der türkischen Küste und im Morgengrauen wurde das Boot von der griechischen Polizei erfasst. Nur weil viele Kinder und Frauen an Board waren, so erzählt er, wurden sie an Land gezogen und haben die Küste von Samos erreicht, die Außengrenze Europas übertreten. Sie hatten es geschafft, das war im November 2019.

Alle wurden umgehend zum Camp gebracht, und was sie dort erwartete, ist den meisten Europäern aus den Medien bereits bekannt. Die Erzählung von Fadil über die unwürdigen Zustände, die Erfahrung aus erster Hand, gehen mir trotzdem unter die Haut. Es ist schwer zu begreifen, dass dies mein Europa sein soll, an das ich glauben will. Europa hat viele Gesichter, das Gesicht der griechischen Flüchtlingspolitik erscheint mir wie eine unbarmherzige Fratze.

Nach 13 Monaten im Camp schließlich konnte ein Freund Fadil an „Mama Uschi“ von Space-Eye vermitteln. Sie half ihm und brachte ihn in einem kleinen Apartment mit Küche und Bad unter, wo er seit langem wieder Ruhe und Schlaf finden konnte. Er teilt sich das kleine Apartment mit einem anderen Geflüchteten. Die beiden zeigen große Dankbarkeit für diese Geste.

Fadil benötigt Medikamente. Ohne die richtige Behandlung werden seine Tage gezählt sein, doch er erzählt mir, er lehne die Behandlung in Griechenland ab. Er wolle nur in Deutschland behandelt werden. Seit ein paar Wochen hat er Papiere, eine ID und einen Pass, er könnte nun weiterziehen und sein Glück suchen. Doch bevor er wegkann, und daran glaubt er eigentlich selbst nicht mehr, möchte er seine Familie zu sich holen.

Im Februar (heute haben wir September 2021) erhielt Fadil die Zusage der ägyptischen Behörden, dass seine Frau und seine Kinder nachkommen dürften. Doch die griechische Botschaft in Ägypten verzögere oder verweigere seinen Fall.

Unser Gespräch wird nun sehr schwer und melancholisch. Fadil hat alles versucht, alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel und Hebel in Bewegung gesetzt – jetzt kann er nur noch warten. Und das tut er seit Monaten, warten und den Mut verlieren.

Nun sitzt er hier, todkrank, alleine in Europa.

Er ist ein verzweifelter und gebrochener Mann. Er will seine Kinder noch einmal sehen, das ist sein größter Traum und sein letzter Wunsch. Doch ich sehe ihm an, dass seine Hoffnung fast erloschen ist. Wir wissen beide, dass sie nicht mehr kommen werden.

Ich blicke aufs Meer und fühle Trauer. Was für eine Fehlentscheidung.

Fabiola

Fabiola

Fabiola, Fabiola… „Wir wollen mit“

Von Beatrix Szabo und Susanne Berndl (Text und Fotos)

Man kann gar nicht anders, als sie zu mögen. Fabiola Velasquez, Physiotherapeutin und Gründerin von Earth Medicine, wird von ihren Patienten im Lager „Moria 2.0“ sehnsüchtig erwartet.

Das neue Lager auf Lesbos liegt direkt am Meer – toll, könnte man denken. Das täuscht. Staubig und unendlich heiß im Sommer, im Winter nass und kalt, den Stürmen, die vom Meer kommen, schutzlos ausgeliefert. Zur Insel hin grenzt eine lange Mauer, umgeben von einem Maschendrahtzaun, der oben von einer Stacheldrahtrolle gekrönt wird, die Geflüchteten vom Rest der Bevölkerung ab. Polizei ist überall präsent, Scheinwerfer sorgen dafür, dass auch nachts jeder bleibt, wo er soll. Am Tor, das das Lager mit der Außenwelt verbindet, wird kontrolliert.

Auf den angelegten Schotterstraßen kreuzen unendlich viele Kinder auf dem Weg zur Schule, die außerhalb liegt und von „School of Hope“ betrieben wird, Fabiolas Weg. Auch ansonsten herrscht reger Betrieb überall. Fast alle kennen den blauen Wagen, winken und rufen „Fabiola, Fabiola“ nicht selten bildet sich eine Traube von Menschen um ihr Auto, die einsteigen wollen, Behandlung brauchen sie alle, aber natürlich sind die Kapazitäten begrenzt.

Im Auto, ein Transportbus speziell für Menschen mit (Geh)Behinderung, sitzt Khaled, von einer Bombe getroffen, auf seinem elektrischen Rollstuhl, er hat Schmerzen im ganzen Körper. Wie viele andere, die Fabiola abholt, um sie in ihrer Praxis zu behandeln, ist er nicht in der Lage, seine Beine zu nutzen, weil die Splitter der Bombe in seinem Kopf den Motorkortex verletzt haben. Er trainiert hart und mit viel Ehrgeiz, um irgendwann wieder auf eigenen Beinen stehen zu können, in jeder Hinsicht.

Andere Patientinnen und Patienten sind spastisch, durch Schüsse oder Granaten verletzt, nach Schlaganfall im Rollstuhl, gefoltert, haben Amputationen hinter sich.

Seit fünf Jahren behandelt Fabiola Patienten, früher mit ihren Medizin-Containern (gespendet von Space-Eye) im Lager Kara-Tepe, heute in ihrer Praxis in der Hauptstadt von Lesbos, Mytilini. „Es gibt keinen Platz für meine Container in diesem Lager, kein fließendes Wasser, keine WCs“. Sie wird wieder zurück ins Lager gehen, um zu behandeln, wenn diese Bedingungen für alle erfüllt werden. Denn sie wird gebraucht. Bis dahin fährt sie die Patienten hin und her.

Dafür werden übrigens immer wieder freiwillige Helferinnen und Helfer gesucht: Wer sich bewerben will, auf der Website von Earth Medicine findet sich ein Überblick, wie man sich einbringen kann.

Sahar

Sahar

Schwangerschaft im Camp

An der Tür empfängt uns eine herzlich strahlende junge Frau, die Mutter von vier Kindern. Younes, unser Dolmetscher aus Afghanistan, stellt uns vor, und die Frau bittet uns freundlich hinein. Die Wohnung ist schön kühl, da der Wind durch die geöffneten Fenster bläst, ganz im Gegensatz zu dem schweißtreibenden Wetter draußen.

Die junge Mutter heißt Sahar. Sie bringt uns etwas Kühles zu trinken. Ihr jüngstes Kind, ein zwei Monate altes Baby, liegt friedlich summend in seinem Bettchen im Wohnzimmer. Das Baby trägt ein Kleid, das Sahar selbst genäht hat.

Das Baby erblickte auf Samos das Licht der Welt. Überschattet wurde die Schwangerschaft durch eine Coronavirus-Erkrankung der Mutter, im siebten Schwangerschaftsmonat. Die Familie verbrachte 14 Tage in einem isolierten Container im Camp. Glücklicherweise überstand die Familie die Coronavirus-Erkrankung ohne weitere Folgen.

Sahar zeigt uns die Wohnung, die sehr sauber und ordentlich ist. Es ist eine Zwei-Zimmer-Wohnung zum Wohlfühlen. Von der kleinen Küche geht eine Tür hinaus zum Innenhof. Wir setzen uns ins Wohnzimmer, welches gleichzeitig das Schlafzimmer der Eltern ist. Sahar strahlt eine Ruhe aus, während sie ihr Baby stillt. Das Baby schläft friedlich ein. Sie erzählt uns ihre Geschichte:

Sie ist eine von sieben Kindern. Mit 15 Jahren wurde Sahar verheiratet. Sie gebar ihre erste Tochter mit 16 Jahren, dem Jahr, indem ihre Mutter bei der Geburt ihres jüngsten Bruders verstarb. Ab diesem Zeitpunkt kümmerte sie sich sowohl um ihre eigene kleine Familie, als auch um ihre Geschwister und ihren Vater.

Ein 40-jähriger Nachbar belästigte Sahar drei Jahre lang. Immer wieder stellte er ihr nach, wollte, dass sie sich von ihrem Mann trennte und setze sie unter Druck. Sahar sollte zu ihm ziehen und seine Frau werden. Er drohte, ansonsten ihre Familie, ihren Mann oder ihre Tochter umzubringen. Sie und ihr Ehemann litten unter extremer Angst und beschlossen, von der Provinz Daikondi nach Kabul zu ziehen. Hier fanden sie keine Arbeit und so verließen sie Kabul und gingen in den Iran. Im Iran lebten sie 13 Jahre, und Sahar gebar zwei Söhne. Im Iran arbeitete ihr Mann in verschiedenen Bereichen, meist Gelegenheitsjobs auf dem Bau. Sahar arbeitete als Näherin.

Afghanen im Iran genießen wenig Rechte. Die Kinder durften keine Schule besuchen, und so zahlten die Eltern einem anderem Afghanen Geld, der dafür ihre Kinder unterrichtete. Das Leben im Iran wurde beschwerlicher, und sie beschlossen nach Europa zu gehen. Vom Iran gelangten sie zu Fuß und mit dem Auto in die Türkei, wo sie knapp einen Monat verbrachten.

Sie stiegen in ein Schlepperboot nach Griechenland. Die griechische Polizei entdeckte das Schlepperboot auf dem Meer und brachte es zurück in die Türkei. Erst beim dritten Anlauf gelang die Flucht nach Samos. Die Überfahrt im Schlauchboot war für Sahar der beängstigendste Teil der gesamten Flucht. Sie saßen jedes Mal in einem völlig überfüllten Schlauchboot. Die Menschen im Boot waren verzweifelt und weinten laut.

Im Camp in Samos lebten sie 18 Monate, bis Uschi kam und ihnen die Wohnung vermittelte, in der wir jetzt zusammensitzen. Hier kommen sie endlich zur Ruhe. Die Kinder und die Eltern besuchen Sprachkurse. Alle sind bemüht so viel zu lernen, wie sie können. Ihr Ziel ist es, sobald sie können, auf das Festland zu ziehen.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Abdul hat alles verloren – auch seine Familie

Abdul hat alles verloren – auch seine Familie

Von Ursula Wohlgefahrt

Ich bin Abdul Karrar Mohammed. Ich wurde in Syrien als Flüchtlingskind im Camp Yarmouk, am Rande der Stadt Damaskus geboren. Dort lebte und arbeitete ich. Ich führte ein Baugeschäft und hatte 20 bis 25 Mitarbeiter. Mit meiner Frau habe ich fünf Kinder.

Meine Großeltern stammen aus der Stadt Safed in Palästina. Dies ist eine der wichtigsten Städte für die Juden in Palästina. Im Jahre 1948 wurden meine Großeltern mit unzähligen andern Palästinenser nach Syrien deportiert. Anfänglich war Yarmouk ein Zeltlager nur für Palästinenser. Dann erlaubte die UNO den Palästinensern, den Boden zu kaufen und darauf Häuser zu erstellen. Es bildete sich eine Stadt von ca. vier Quadratkilometern. Meine Familie baute sich dort ein neues Leben auf und ich war mit meinem Baugeschäft erfolgreich.

Seit Ausbruch des Krieges im Jahr 2013 wurde Yarmouk von der syrischen Armee belagert. Es kam kein Essen mehr in die Stadt. Wir aßen alles, was wir fanden, nur zum Überleben, sogar das Gras im Stadtpark. Nach neun Monaten der Belagerung konnte meine Frau mit einer Tochter die Stadt verlassen, um Nahrungsmittel zu beschaffen. Sie wurde bei der Rückkehr geschnappt und durfte die Stadt nicht mehr betreten. Ich habe die restlichen vier Kinder angewiesen, zur Mutter außerhalb der Stadt zu gehen. Meine Frau und meine Kinder wurden anschließend in den Libanon deportiert. Seitdem leben sie dort in einem der größten Zeltlager. Ich habe sie seitdem nicht wieder gesehen. Es war der 4 .5. 2014. Ich wurde angewiesen, im Camp zu verbleiben. Ich versuchte, meine Baumaschinen und mein ganzes Inventar von meinem Baugeschäft so gut es ging, zusammen mit verbleibenden Angestellten, zu retten. Das Camp wurde weiterhin belagert und beschossen, und die im Camp Übriggebliebenen haben sehr unter den Repressalien der Belagerung gelitten. Der Hunger war schlimm und täglich starben Menschen an Unterernährung. Dann im Mai 2018 wurden die restlichen Bewohner von Yarmouk in den Norden von Syrien deportiert, ins Lager Dair Ballout, in der von der Türkei bewachten Zone. Sie nennen es nach einer palästinensischen Stadt im Westjordanland, weil nur Palästinenser dort wohnen. Wir konnten nur das Allernötigste in einer kleinen Tasche mitnehmen. Als wir weggebracht wurden, kam die syrische Armee und nahm alles mit aus unseren Häusern, was übrig blieb. Die Deportation fand mit alten Reisebussen statt, welche überfüllt waren. Meine Eltern und mein Bruder mit der Familie leben heute noch in Dair Ballout. Unterstützt wird das Lager von der türkischen Organisation AFAT. Ohne die Türkei gäbe es uns heute nicht mehr. Dort gelang mir die Flucht und ich konnte dank Schmugglern die türkische Grenze überqueren. In der Türkei blieb ich neun Monate. Dann bin ich mit dem Boot am 27. 9. 2019 nach Samos gekommen. Leider kann kein Palästinenser mehr in den Libanon. Dies ist uns untersagt. Gerne wäre ich zu meiner Familie zurück gegangen.

Ich habe im Camp in Samos als alter, alleinstehender Mann sehr gelitten. Ich lebte in einem kleinen Zelt und hatte nichts, das meiner Gesundheit förderlich wäre. Ich litt psychisch unter den widrigen Lebensumständen, Hunger und keinem Geld. Meine Familie im Libanon erwartet von mir, dass ich sie finanziell unterstützen könne, doch dies ist bei weitem nicht der Fall. Nun habe ich seit sieben Jahren meine Familie nicht mehr gesehen. Das zerrt an mir. Ich wünsche mir so sehr, dass ich meine Frau und meine Kinder einmal wiedersehen kann und mit ihnen vereint an einem sicheren Ort glücklich leben kann, weit weg vom Krieg. Am liebsten würde ich in Holland wohnen.

Ich bin so dankbar für die Unterstützung durch Space-Eye. Aller herzlichsten Dank, dass ich nun in einem normalen Bett in einem so guten Zimmer schlafen und leben kann.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Rawan: Backen ist ihre Leidenschaft

Rawan: Backen ist ihre Leidenschaft

Von Ursula Wohlgefahrt

Ich besuche Rawan und ihre fünf Kinder. Beim Betreten der Wohnung strömt mir ein herrlicher, süßer Duft entgegen. Aha! Rawan ist wieder am Backen! Backen ist ihre große Leidenschaft. Ich betrete die Küche und sehe, wie sie grade den Teig in verschieden große Formen gießt. „Was gibt’s denn da schönes?“, frage ich gespannt. „Eine Torte für eine Verlobung. Sie soll mehrstöckig und möglichst bunt sein.“ Ja, das Leben geht ja weiter, ob auf der Flucht, oder irgendwo auf der Welt: Es wird geboren, geliebt, verlobt, geheiratet, geschieden und auch gestorben. So ist es eben. Nichts steht still. Rawan überlässt mir und der kleinen Sidra eine Schüssel, die wir zusammen auslecken. Der Teig schmeckt wirklich lecker. Mmmh! „Ich backe Dir jeden Kuchen mit jeder Verzierung, die Du willst, Mama Uschi! Wann hast Du Geburtstag?“ „Ich habe erst im August, aber Neil hat nächsten Samstag“, rutscht es mir raus. „Den Kuchen mache ich! Welchen Geschmack willst Du? Vanille, Schokolade, Nuss?“ Wir haben uns auf Vanille geeinigt und die bestellte kleine Geburtstagstorte reichte für uns zwei plus die ganzen Freiwilligen einer humanitären Organisation auf Samos! Und so was nennt sich kleine Geburtstagstorte im Irak.

Rawan kommt aus dem Irak. Sie wohnte im Stadtteil Khatib in Bagdad mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern. Sie ist aus dem Iran und Schiitin, habe aber gegen den Willen ihrer Familie einen Sunniten geheiratet. Somit war sie zu Hause nicht mehr erwünscht. Im Irak war dies vor dem Sturz von Saddam Hussein noch möglich, und die einzelnen Glaubensrichtungen haben sich nicht bekämpft. Mit dem Krieg änderte sich dann alles, was für sie dramatische Folgen hatte. Sie wurde verhöhnt und wurde plötzlich in der Familie ihres Mannes nicht mehr willkommen geheißen. Zusätzlich zu den Schrecken des Krieges, den sie und ihre Familie täglich durchlebten, mit Morden, Toten und Bombenanschlägen, begann ihr Mann mit häuslicher Gewalt. Er konnte diese Spannung nicht ertragen und sie war nun mal Schiitin und konnte ihrem Glauben nicht abschwören. Die Eltern ihres Mannes und die Familie begannen, auch ihre Kinder zu verstoßen. Rawan hatte plötzlich auch keine Bewegungsfreiheit mehr und war eingesperrt und ständige Angst um ihr Leben und um das Leben ihrer Kinder.

Sie sah keinen anderen Ausweg mehr, als die Flucht nach Europa, um in Ruhe leben zu können.
Die Überfahrt nach Samos in einem kleinen Boot ist für sie, die zuvor noch nie in einem Boot gesessen hatte, bis heute wie ein Alptraum, und sie ist so froh, dass sie es beim ersten Mal geschafft haben.

Seit Dezember bewohnt Rawan die Räumlichkeiten einer ehemaligen Arztpraxis. Sie konnte von einer Organisation Bettgestelle für fünf Euro besorgen, wir haben die Matratzen gespendet. Gegessen wird auf einem Teppich am Boden. Es ist alles spärlich eingerichtet, aber für sie ist es – nach einem Winter im Camp – das Paradies. Sie hat ja wieder eine Küche und wenn ihr das Kindergeschrei zu laut wird, verzieht sie sich in die Küche und backt wieder was Schönes, auch für sich. In einer Dose hat sie immer griffbereit selbstgemachtes Konfekt, für jeden Gast.

Sie dankt Space-Eye ganz herzlich, dass wir die Miete, Stromkosten und einen Beitrag an den Lebensunterhalt übernommen haben.

Was sie denn möchte, wenn sie in Deutschland ist, frage ich sie. Ganz einfach: eine gute Ausbildung für jedes Kind und sie möchte so gerne in einer Bäckerei arbeiten.

Hoffen wir, dass sich ihre Wünsche erfüllen mögen

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Marwa – Wenn die Kunst lebensgefährlich wird!

Marwa – Wenn die Kunst lebensgefährlich wird!

Von Ursula Wohlgefahrt

Die Nähmaschine schnurrt. Marwa flickt und ändert die Kleider der Kinder ihrer Wohnpartnerin. Sie hat mit ihr und ihren fünf Kindern zusammen im November 2020 die zweite Wohnung von Space-Eye bezogen. Im Camp in Samos hatte sie ein Zelt, das bis zu drei Personen aufnehmen konnte. Sie lebte dort alleine, bis Safa mit ihren 5 Kindern von der Campleitung gebeten wurde, den Wohncontainer und das Camp zu verlassen. Die 58-jährige Marwa aus Badgad hatte Safa und ihre Kinder notdürftig bei sich aufgenommen. Wie die Sardinen haben sie gehaust und geschlafen. Als Safa dann von Space- Eye eine Wohnung bekam, war es für sie Ehrensache, Marwa mit in ihre Wohnung zu nehmen.

Beim Handarbeiten und Nähen vergisst Marwa ihr Schicksal für ein paar Minuten. Da ist sie mit voller Konzentration an der Arbeit. Für die Erzählung Ihrer Geschichte unterbricht sie die Näharbeit. Ja, sie wolle mir ihre Lebensgeschichte erzählen:

„Als die Amerikaner kamen und in Bagdad einzogen, haben wir gejubelt. Wir hofften, dass wir bald auch so wie die Menschen im Westen leben und arbeiten könnten. Mein Leben änderte sich dramatisch, als die Milizen meinen Sohn bedrohten. Hassan war Schauspieler am städtischen Theater und hatte, wie ich, Kunst und Theater studiert. Hier schau mal die Fotos von seinen Auftritten, Uschi! Im Gegenzug zu mir, fand er in Bagdad eine Anstellung. Ich habe seinerzeit keine gefunden und habe als Notlösung bei der irakischen Nationalbank als Kassiererin gearbeitet. Nach der Heirat habe ich aufgehört zu arbeiten und meine Mutter erkrankte. Ich habe sie bis zu ihrem Tod gepflegt und erst danach den Irak verlassen. Ein Jahr nach der Heirat ist Hassan geboren, ein Wunschkind. Sein Vater war Soldat im irakischen Geheimdienst. Als Hassan zwei Jahre alt war, habe ich die Nachricht erhalten, dass er im Dienst gestorben sei. Seitdem war ich alleine geblieben mit meinem Sohn und meiner Mutter. Mit Nähen und Handarbeiten habe ich von zu Hause aus uns über Wasser gehalten. Nähen habe ich von der Mutter gelernt, und dies konnte ich auch bei meinem Studium immer wieder unter Beweis stellen zur Anfertigung der verschiedenen Kleider.

Als die Milizen Hassan mit dem Leben bedrohten, falls er nicht seinen Beruf aufgeben würde, sich einen ordentlichen Bart wachsen ließe und orientalische Männerkleider trüge, hat er es in Bagdad nicht mehr ausgehalten und ist mit seiner Familie nach Skandinavien geflohen. Die Milizen haben auch mich bedroht, weil Hassan nun fort war. Ich konnte aber meine betagte und pflegebedürftige Mutter nicht alleine zurücklassen und so bin ich geblieben, bis sie verstarb. Dann floh ich nach Syrien, wo ich vier Jahre blieb und als Managerin in einem Frauenfitnesszentrum tätig war. In Syrien wäre ich geblieben. Es ist ja meine Kultur. Die Bomben der Israelis haben mich dann – wohl oder übel – nochmals zur Flucht gezwungen. So bin ich schlussendlich am 15.8.2019 nach Samos gekommen. Ich erlebte im Camp Tage und Nächte mit Lebensbedingungen, die ich nie erwartet hätte. Die Angst bei der Feuersbrunst steckt mir immer noch in den Knochen. Auch das Miterleben müssen, dass Zeltnachbarn sterben, und niemand will helfen können. Der Mangel an allem, was für uns so normal ist, bedrückt mich noch heute zutiefst.

Mein großer Wunsch ist, nach Skandinavien zu meinem Sohn und seiner Familie zu gelangen. Ich habe ja nur noch ihn und seine Familie. Aber die Hürden dorthin sind hoch, und mein Sohn und die Familie haben bis heute noch keine feste Aufenthaltsbewilligung erhalten. Die jüngste Enkelin habe ich noch gar nicht in die Arme schließen können, nur per Internet kann ich ihr einen Kuss senden.

Ich danke allen Spendern von Space-Eye, die mir nun ein paar menschliche Monate in einer bescheidenen Wohnung gewähren von ganzem Herzen. Ich danke auch Space-Eye für all ihre Anstrengungen für die Flüchtlinge auf Samos herzlichst. Ihr seid wunderbar.“

Ein Strahlen geht über Ihr Gesicht. Dann nimmt sie ihre Näharbeit wieder auf und kürzt noch ein weiteres Hosenbein.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.