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Abdul hat alles verloren – auch seine Familie

Abdul hat alles verloren – auch seine Familie

Von Ursula Wohlgefahrt

Ich bin Abdul Karrar Mohammed. Ich wurde in Syrien als Flüchtlingskind im Camp Yarmouk, am Rande der Stadt Damaskus geboren. Dort lebte und arbeitete ich. Ich führte ein Baugeschäft und hatte 20 bis 25 Mitarbeiter. Mit meiner Frau habe ich fünf Kinder.

Meine Großeltern stammen aus der Stadt Safed in Palästina. Dies ist eine der wichtigsten Städte für die Juden in Palästina. Im Jahre 1948 wurden meine Großeltern mit unzähligen andern Palästinenser nach Syrien deportiert. Anfänglich war Yarmouk ein Zeltlager nur für Palästinenser. Dann erlaubte die UNO den Palästinensern, den Boden zu kaufen und darauf Häuser zu erstellen. Es bildete sich eine Stadt von ca. vier Quadratkilometern. Meine Familie baute sich dort ein neues Leben auf und ich war mit meinem Baugeschäft erfolgreich.

Seit Ausbruch des Krieges im Jahr 2013 wurde Yarmouk von der syrischen Armee belagert. Es kam kein Essen mehr in die Stadt. Wir aßen alles, was wir fanden, nur zum Überleben, sogar das Gras im Stadtpark. Nach neun Monaten der Belagerung konnte meine Frau mit einer Tochter die Stadt verlassen, um Nahrungsmittel zu beschaffen. Sie wurde bei der Rückkehr geschnappt und durfte die Stadt nicht mehr betreten. Ich habe die restlichen vier Kinder angewiesen, zur Mutter außerhalb der Stadt zu gehen. Meine Frau und meine Kinder wurden anschließend in den Libanon deportiert. Seitdem leben sie dort in einem der größten Zeltlager. Ich habe sie seitdem nicht wieder gesehen. Es war der 4 .5. 2014. Ich wurde angewiesen, im Camp zu verbleiben. Ich versuchte, meine Baumaschinen und mein ganzes Inventar von meinem Baugeschäft so gut es ging, zusammen mit verbleibenden Angestellten, zu retten. Das Camp wurde weiterhin belagert und beschossen, und die im Camp Übriggebliebenen haben sehr unter den Repressalien der Belagerung gelitten. Der Hunger war schlimm und täglich starben Menschen an Unterernährung. Dann im Mai 2018 wurden die restlichen Bewohner von Yarmouk in den Norden von Syrien deportiert, ins Lager Dair Ballout, in der von der Türkei bewachten Zone. Sie nennen es nach einer palästinensischen Stadt im Westjordanland, weil nur Palästinenser dort wohnen. Wir konnten nur das Allernötigste in einer kleinen Tasche mitnehmen. Als wir weggebracht wurden, kam die syrische Armee und nahm alles mit aus unseren Häusern, was übrig blieb. Die Deportation fand mit alten Reisebussen statt, welche überfüllt waren. Meine Eltern und mein Bruder mit der Familie leben heute noch in Dair Ballout. Unterstützt wird das Lager von der türkischen Organisation AFAT. Ohne die Türkei gäbe es uns heute nicht mehr. Dort gelang mir die Flucht und ich konnte dank Schmugglern die türkische Grenze überqueren. In der Türkei blieb ich neun Monate. Dann bin ich mit dem Boot am 27. 9. 2019 nach Samos gekommen. Leider kann kein Palästinenser mehr in den Libanon. Dies ist uns untersagt. Gerne wäre ich zu meiner Familie zurück gegangen.

Ich habe im Camp in Samos als alter, alleinstehender Mann sehr gelitten. Ich lebte in einem kleinen Zelt und hatte nichts, das meiner Gesundheit förderlich wäre. Ich litt psychisch unter den widrigen Lebensumständen, Hunger und keinem Geld. Meine Familie im Libanon erwartet von mir, dass ich sie finanziell unterstützen könne, doch dies ist bei weitem nicht der Fall. Nun habe ich seit sieben Jahren meine Familie nicht mehr gesehen. Das zerrt an mir. Ich wünsche mir so sehr, dass ich meine Frau und meine Kinder einmal wiedersehen kann und mit ihnen vereint an einem sicheren Ort glücklich leben kann, weit weg vom Krieg. Am liebsten würde ich in Holland wohnen.

Ich bin so dankbar für die Unterstützung durch Space-Eye. Aller herzlichsten Dank, dass ich nun in einem normalen Bett in einem so guten Zimmer schlafen und leben kann.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Rawan: Backen ist ihre Leidenschaft

Rawan: Backen ist ihre Leidenschaft

Von Ursula Wohlgefahrt

Ich besuche Rawan und ihre fünf Kinder. Beim Betreten der Wohnung strömt mir ein herrlicher, süßer Duft entgegen. Aha! Rawan ist wieder am Backen! Backen ist ihre große Leidenschaft. Ich betrete die Küche und sehe, wie sie grade den Teig in verschieden große Formen gießt. „Was gibt’s denn da schönes?“, frage ich gespannt. „Eine Torte für eine Verlobung. Sie soll mehrstöckig und möglichst bunt sein.“ Ja, das Leben geht ja weiter, ob auf der Flucht, oder irgendwo auf der Welt: Es wird geboren, geliebt, verlobt, geheiratet, geschieden und auch gestorben. So ist es eben. Nichts steht still. Rawan überlässt mir und der kleinen Sidra eine Schüssel, die wir zusammen auslecken. Der Teig schmeckt wirklich lecker. Mmmh! „Ich backe Dir jeden Kuchen mit jeder Verzierung, die Du willst, Mama Uschi! Wann hast Du Geburtstag?“ „Ich habe erst im August, aber Neil hat nächsten Samstag“, rutscht es mir raus. „Den Kuchen mache ich! Welchen Geschmack willst Du? Vanille, Schokolade, Nuss?“ Wir haben uns auf Vanille geeinigt und die bestellte kleine Geburtstagstorte reichte für uns zwei plus die ganzen Freiwilligen einer humanitären Organisation auf Samos! Und so was nennt sich kleine Geburtstagstorte im Irak.

Rawan kommt aus dem Irak. Sie wohnte im Stadtteil Khatib in Bagdad mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern. Sie ist aus dem Iran und Schiitin, habe aber gegen den Willen ihrer Familie einen Sunniten geheiratet. Somit war sie zu Hause nicht mehr erwünscht. Im Irak war dies vor dem Sturz von Saddam Hussein noch möglich, und die einzelnen Glaubensrichtungen haben sich nicht bekämpft. Mit dem Krieg änderte sich dann alles, was für sie dramatische Folgen hatte. Sie wurde verhöhnt und wurde plötzlich in der Familie ihres Mannes nicht mehr willkommen geheißen. Zusätzlich zu den Schrecken des Krieges, den sie und ihre Familie täglich durchlebten, mit Morden, Toten und Bombenanschlägen, begann ihr Mann mit häuslicher Gewalt. Er konnte diese Spannung nicht ertragen und sie war nun mal Schiitin und konnte ihrem Glauben nicht abschwören. Die Eltern ihres Mannes und die Familie begannen, auch ihre Kinder zu verstoßen. Rawan hatte plötzlich auch keine Bewegungsfreiheit mehr und war eingesperrt und ständige Angst um ihr Leben und um das Leben ihrer Kinder.

Sie sah keinen anderen Ausweg mehr, als die Flucht nach Europa, um in Ruhe leben zu können.
Die Überfahrt nach Samos in einem kleinen Boot ist für sie, die zuvor noch nie in einem Boot gesessen hatte, bis heute wie ein Alptraum, und sie ist so froh, dass sie es beim ersten Mal geschafft haben.

Seit Dezember bewohnt Rawan die Räumlichkeiten einer ehemaligen Arztpraxis. Sie konnte von einer Organisation Bettgestelle für fünf Euro besorgen, wir haben die Matratzen gespendet. Gegessen wird auf einem Teppich am Boden. Es ist alles spärlich eingerichtet, aber für sie ist es – nach einem Winter im Camp – das Paradies. Sie hat ja wieder eine Küche und wenn ihr das Kindergeschrei zu laut wird, verzieht sie sich in die Küche und backt wieder was Schönes, auch für sich. In einer Dose hat sie immer griffbereit selbstgemachtes Konfekt, für jeden Gast.

Sie dankt Space-Eye ganz herzlich, dass wir die Miete, Stromkosten und einen Beitrag an den Lebensunterhalt übernommen haben.

Was sie denn möchte, wenn sie in Deutschland ist, frage ich sie. Ganz einfach: eine gute Ausbildung für jedes Kind und sie möchte so gerne in einer Bäckerei arbeiten.

Hoffen wir, dass sich ihre Wünsche erfüllen mögen

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Marwa – Wenn die Kunst lebensgefährlich wird!

Marwa – Wenn die Kunst lebensgefährlich wird!

Von Ursula Wohlgefahrt

Die Nähmaschine schnurrt. Marwa flickt und ändert die Kleider der Kinder ihrer Wohnpartnerin. Sie hat mit ihr und ihren fünf Kindern zusammen im November 2020 die zweite Wohnung von Space-Eye bezogen. Im Camp in Samos hatte sie ein Zelt, das bis zu drei Personen aufnehmen konnte. Sie lebte dort alleine, bis Safa mit ihren 5 Kindern von der Campleitung gebeten wurde, den Wohncontainer und das Camp zu verlassen. Die 58-jährige Marwa aus Badgad hatte Safa und ihre Kinder notdürftig bei sich aufgenommen. Wie die Sardinen haben sie gehaust und geschlafen. Als Safa dann von Space- Eye eine Wohnung bekam, war es für sie Ehrensache, Marwa mit in ihre Wohnung zu nehmen.

Beim Handarbeiten und Nähen vergisst Marwa ihr Schicksal für ein paar Minuten. Da ist sie mit voller Konzentration an der Arbeit. Für die Erzählung Ihrer Geschichte unterbricht sie die Näharbeit. Ja, sie wolle mir ihre Lebensgeschichte erzählen:

„Als die Amerikaner kamen und in Bagdad einzogen, haben wir gejubelt. Wir hofften, dass wir bald auch so wie die Menschen im Westen leben und arbeiten könnten. Mein Leben änderte sich dramatisch, als die Milizen meinen Sohn bedrohten. Hassan war Schauspieler am städtischen Theater und hatte, wie ich, Kunst und Theater studiert. Hier schau mal die Fotos von seinen Auftritten, Uschi! Im Gegenzug zu mir, fand er in Bagdad eine Anstellung. Ich habe seinerzeit keine gefunden und habe als Notlösung bei der irakischen Nationalbank als Kassiererin gearbeitet. Nach der Heirat habe ich aufgehört zu arbeiten und meine Mutter erkrankte. Ich habe sie bis zu ihrem Tod gepflegt und erst danach den Irak verlassen. Ein Jahr nach der Heirat ist Hassan geboren, ein Wunschkind. Sein Vater war Soldat im irakischen Geheimdienst. Als Hassan zwei Jahre alt war, habe ich die Nachricht erhalten, dass er im Dienst gestorben sei. Seitdem war ich alleine geblieben mit meinem Sohn und meiner Mutter. Mit Nähen und Handarbeiten habe ich von zu Hause aus uns über Wasser gehalten. Nähen habe ich von der Mutter gelernt, und dies konnte ich auch bei meinem Studium immer wieder unter Beweis stellen zur Anfertigung der verschiedenen Kleider.

Als die Milizen Hassan mit dem Leben bedrohten, falls er nicht seinen Beruf aufgeben würde, sich einen ordentlichen Bart wachsen ließe und orientalische Männerkleider trüge, hat er es in Bagdad nicht mehr ausgehalten und ist mit seiner Familie nach Skandinavien geflohen. Die Milizen haben auch mich bedroht, weil Hassan nun fort war. Ich konnte aber meine betagte und pflegebedürftige Mutter nicht alleine zurücklassen und so bin ich geblieben, bis sie verstarb. Dann floh ich nach Syrien, wo ich vier Jahre blieb und als Managerin in einem Frauenfitnesszentrum tätig war. In Syrien wäre ich geblieben. Es ist ja meine Kultur. Die Bomben der Israelis haben mich dann – wohl oder übel – nochmals zur Flucht gezwungen. So bin ich schlussendlich am 15.8.2019 nach Samos gekommen. Ich erlebte im Camp Tage und Nächte mit Lebensbedingungen, die ich nie erwartet hätte. Die Angst bei der Feuersbrunst steckt mir immer noch in den Knochen. Auch das Miterleben müssen, dass Zeltnachbarn sterben, und niemand will helfen können. Der Mangel an allem, was für uns so normal ist, bedrückt mich noch heute zutiefst.

Mein großer Wunsch ist, nach Skandinavien zu meinem Sohn und seiner Familie zu gelangen. Ich habe ja nur noch ihn und seine Familie. Aber die Hürden dorthin sind hoch, und mein Sohn und die Familie haben bis heute noch keine feste Aufenthaltsbewilligung erhalten. Die jüngste Enkelin habe ich noch gar nicht in die Arme schließen können, nur per Internet kann ich ihr einen Kuss senden.

Ich danke allen Spendern von Space-Eye, die mir nun ein paar menschliche Monate in einer bescheidenen Wohnung gewähren von ganzem Herzen. Ich danke auch Space-Eye für all ihre Anstrengungen für die Flüchtlinge auf Samos herzlichst. Ihr seid wunderbar.“

Ein Strahlen geht über Ihr Gesicht. Dann nimmt sie ihre Näharbeit wieder auf und kürzt noch ein weiteres Hosenbein.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Wie Aalam aus Eritrea nach Samos kam

Wie Aalam aus Eritrea nach Samos kam

Von Uschi Wohlgefahrt

Es dämmerte schon und der Wind pfiff um die Ecken, als ich letzten November mit einer Begleiterin nach der Suche nach Wohnungen für anerkannte Flüchtlinge für Space-Eye über den Pytagoras-Square in Samos Stadt ging. Ein leichter Regen fiel. Auf der Bank vor dem Löwendenkmal saß eine junge Frau alleine mit einem Wäschebündel auf den Armen. Ich wunderte mich und schaute noch einmal hin. Ihre traurigen Augen haben mich sofort angezogen und ich konnte nicht anders, als auf sie zuzugehen und sie anzusprechen. Was sie denn da so alleine bei diesem Wetter mache? Ihr sei einfach die Decke auf den Kopf gefallen und sie habe rausmüssen. Sie lebe in einem Container im Camp in einem winzigen Zimmer mit einer Frau und ihren fünf Kindern. Die Frau helfe ihr jedoch viel mit ihrem Baby und sie sei ihr dafür dankbar. Wo denn ihr Baby sei, habe ich ganz erstaunt gefragt. Sie schlug die Decke auf und zum Vorschein kam ein acht Wochen altes Büblein, schokoladenbraun mit gekrausten schwarzen Haaren und schaute mich mit einem kleinen Lächeln mit seinen großen dunklen Augen an. Oh mein Gott! Jetzt wurde ich aber sehr neugierig, wer ich denn da vor mir habe. Sie sei Aalam aus Eritrea. Ihr Partner hätte sie verlassen und nun sei sie mit dem kleinen Gibril alleine. Ich habe mich auch vorgestellt und wir tauschten die Telefonnummern aus. Sie habe das Asylgesuch noch nicht genehmigt bekommen und sie wisse nun noch gar nicht, wie es mit ihr weiter gehe und wohin sie nun mit dem kleinen Gibril alleine hingegen solle.

Mit Aalam blieb ich in Kontakt über WhatsApp und habe sie unterstützt, wo ich konnte. Anfang März erhielt ich dann einen aufgeregten Anruf von Aalam: „Mama, letzte Woche habe ich meinen Asylentscheid erhalten und nun will die Campleitung, dass ich bis Ende Woche den Container verlasse. Wohin soll ich denn nun gehen?“ Eine ledige, muslimische Mutter mit einem Baby konnte ich unmöglich alleine in einem Zelt an Rande des Camps lassen. Wer weiß, was da die streng gläubigen Nachbarn mit ihr gemacht hätten? Im Camp in Samos hatte sie das erste Mal in ihrem Leben Zuneigung zu einem Mann. Es war ein Kongolese. Sie hatte ihn wirklich geliebt und gedacht, er sei der Mann fürs Leben. Dann ist sie schwanger geworden. Ihr Freund war gar nicht erfreut, hat sie beschimpft und ist mit einer anderen Frau nach Athen weitergezogen. Vom kleinen Gibril will er nichts wissen. Es ist das schlimmste, was einer Muslimin passieren kann, schwanger zu werden und mit einem Kind dann alleine dazustehen. In ein muslimisches Land kann sie auf gar keine Umstände mehr gehen. Wer würde sie schon aufnehmen und was würde aus dem kleinen Gibril?

Aalam lebt nun heute mit ihrem kleinen Gibril in einem kleinen Anbau eines Hauses in der Stadt Samos, in einer Studiowohnung mit Küche und Bad. Vor ihrer Haustüre hat es einen kleinen Vorgarten, und sollte sie in einem Jahr immer noch da sein, so könnte dort der kleine Gibril gefahrlos spielen. Nun wartet Aalam auf ihren „Fingerprint“ und möchte, wenn sie den Pass erhält, nach Deutschland oder in die Benelux-Staaten reisen.

Geboren ist Aalam in Eritrea. Ihre Mutter und ihr Vater sind zum Militär eingezogen worden. Während dieser Zeit lebte Aalam bei der Großmutter. Als sie drei Jahre alt war, ist der Vater im Dienst gestorben. Die Mutter wollte daraufhin keinen Militärdienst mehr machen und ist mit ihr nach Äthiopien geflohen, wo sie als Lehrerin tätig war. Aalam durfte aber als Ausländerkind die Schule nicht besuchen. Die Mutter hat sie zu Hause unterrichtet. Als sie 16 Jahre alt war, ist die Mutter an Brustkrebs gestorben. Die Großmutter organisierte, dass ein naher Verwandter sie in den Sudan holte, wo sie bei wohlhabenden Leuten als Kindermädchen arbeitete und Hausarbeiten erledigte. Dort lernte sie zusätzlich zu ihrer Muttersprache Tigrinia und dem in Äthiopien gesprochenen Amarinia noch Arabisch. Aamal wollte mehr vom Leben, als nur als Hausmädchen zu arbeiten. Sie wollte einen Abschluss machen und was im Leben erreichen. So ist sie über Dubai nach Beirut gereist.

Auch in Beirut hat sie in einem großen Haushalt als Hausangestellte gedient, um sich finanziell durchzuschlagen. Beirut wäre eine Option für sie gewesen, doch als Hausangestellte wollte sie nicht ewig tätig sein. Als sie genug Geld zusammengespart hatte, bezahlte sie die Reisekosten der Schlepper von 3.000 Dollar, um von Beirut nach Izmir zu gelangen. In 20 Tagen ist sie mit einer Gruppe Flüchtlinge hunderte von Kilometer zu Fuß gegangen. Sie wurden immer wieder angetrieben und kamen total erschöpft in Izmir an. Flüchtlinge, die nicht mehr konnten, wurden angebrüllt und geschlagen. Es gab ungenügend zu essen und kurze Schlafpausen in Ställen. In Izmir war sie mittellos und hat wieder als Hausangestellte gearbeitet, bis sie das Geld für die Überfahrt nach Samos zusammen hatte. Zweimal wurde ihr Boot von der Küstenwache geschnappt und zweimal ist sie sechs Wochen im Gefängnis von Izmir gelandet. In einem großen Raum wurden alle Gefangenen eingesperrt, Frauen, Männer und Kinder. Es gab ein WC und eine Dusche mit heißem Wasser. Niemand konnte sich dort duschen. Die ganze Zeit konnte sie ihre Kleider nicht wechseln. Das Essen war miserabel. Sie schloss sich als junge Frau alleine ihren Landsleuten, den Eritreern, an. Beim dritten Versuch hat es dann mit der Überfahrt nach Samos geklappt.

Aalam führt ihren Haushalt sehr ordentlich und sauber. Sie ist mir eine gute Stütze bei Übersetzungen vom Arabischen ins Englische. Da bin ich froh, dass ich auf sie zurückgreifen kann. Ich bin sicher, dass sie mit ihrer stillen, aber offenen Art und ihrem Wissen und Wissensdurst eine Zukunft im Herzen Europas hat. Aber auch ich kann ihr als gestandene Mutter Wissen vermitteln mit einem zahnenden kleinen Jungen, damit sie wieder mal zum Schlafen kommt.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Berken – die Geschichte einer kurdischen Familie

Berken – die Geschichte einer kurdischen Familie

Von Ursula Wohlgefahrt

Soeben bin ich beim Haus von Berken und seiner Familie in Samos angekommen, da kommt er mir mit einem breiten Grinsen auf der Straße entgegen. Er kommt grade vom Fischen. In seinem Kessel hat er ein paar Fische für seine Familie fürs Abendessen gefangen. Mit der Polizei hat er sich wieder gestritten. Sie wollten nicht, dass er dort fischt, wie schon einige Male, aber ohne Fahrrad kann er nicht allzu weit gehen. Sein Körper macht das nicht mit. Durch die Folgen der Folterungen im Irak hat er verschiedene Beschwerden.

Wir gehen hinauf in die Wohnung. Die Frau und die Kinder begrüßen uns herzlichst. Wir trinken einen Tee und Berken („der Lächelnde“), ist sofort bereit, von seinem Leben und seiner Flucht zu erzählen, aber bitte, keine Fotos und keine genauen Angaben. Ich frage ihn, ob er denn vor etwas Angst habe? «Madame», antwortet er, «ich kann kaum schlafen, ich habe so Angst, dass sie mich hier wieder finden und dass sie uns alle umbringen. Bitte machen Sie keine Fotos mit meinem Gesicht, bitte, Madame. Ich erzähle ihnen alles». Berken hat meine Neugier geweckt und ich höre ihm aufmerksam zu. Plötzlich wird er so emotional, dass es nicht mehr auf Englisch geht und dass wir die Hilfe eines Übersetzers per Telefon anfordern müssen.

Vor drei Jahren kam die Familie nach fünf Versuchen, das Meer zu überqueren, nach Samos. Viermal wurden sie von der Küstenwache an die türkische Polizei ausgeliefert. Viermal mussten sie sagen, sie seien Syrer und ja keine Kurden aus dem Irak. Sie wussten, dass Kurden ins Gefängnis kamen und zurückgeschoben worden sind. Das Gefängnis hatte Berken genug gesehen. Das wollte er sich und seiner Familie nicht antun. Ganze 40.000 Euro haben seine Verwandten für ihn und seine Familie für die Überfahrten bezahlt. Der irakische Staat hat ihm längst seine Konten gesperrt und alle Guthaben und Vermögen beschlagnahmt. Im Norden von Irak war er in einer Stadt zu Hause. Sein Vater war der Bürgermeister und in der Baath-Partei. Er als Sohn war automatisch auch Mitglied dieser Partei. Sie waren angesehene, reiche Leute. Berken führte einen Autohandel und hatte Angestellte. Die Geschäfte liefen gut. Die Parteien haben sich bekämpft. Das erste – von insgesamt sechs Malen – wurde er 2002 für sechs Monate ins Gefängnis gesteckt. Folter war an der Tagesordnung. Er zeigt mir seinen Rücken, der übersät mit dicken Narben ist. Beim letzten Mal drohten sie ihm, dass sie seine Frau und die Töchter schänden würden. Nun hielt es ihn nicht mehr im Irak. Ende 2017 reiste er nach Bagdad und flog dann mit dem Flugzeug in die Türkei. Die Frau mit der Familie folgten ihm drei Monate später. Über Istanbul sind sie nach Izmir und dann mit dem Boot nach Samos gekommen. In Samos lebten sie fünf Monate im Camp. Dort haben sie die Spitzel der irakischen Polizei gefunden, und dreimal wurde er im Camp zusammengeschlagen. Einmal hat ihn die griechische Polizei drei Tage bei sich aufgenommen und ihn dann wieder frei gelassen, weil es nicht ihre Aufgabe sei, ihn zu beschützen. Er wurde in den letzten drei Jahren aus Sicherheitsgründen siebenmal in Griechenland verschoben. Angst habe er ständig, dass sie ihn und die Familie finden würden. Ich frage ihn, ob er denn denkt, in Deutschland sei es besser. Er meint, vielleicht müsse er den Namen wechseln. Er wisse es nicht, aber die Angst gehe einfach nicht aus seinem Kopf. Berken wartet auf die Pässe und dann will er weg, so schnell, wie möglich.

Bis jetzt hat er mir noch nichts über seine Frau erzählt und ich bin neugierig, auf ihr privates Leben und frage ihn, ob seine Ehe arrangiert gewesen sei? Nein, meint Berken, er habe immer seinem Vater gehorcht, außer in diesem Punkt. Er sei schon lange in seine Cousine Zakja verliebt gewesen und wollte nur sie. Sein Vater habe Bedenken gehabt, wegen gesundheitlicher Folgen bei den Kindern. Er habe einfach nur Zakja gewollt und schließlich den Segen vom Vater erhalten, dabei strahlt er. Ja, er hat eine gute Wahl gemacht mit seiner Zakja. Sie ist immer am Kochen und Backen und ihre Gerichte sind vorzüglich. Und die Kinder sind äußerst gut geraten und sehr höflich.

Was ihm denn, außer der Angst noch Mühe mache, frage ich ihn. Das sei das Warten und nochmals Warten, antwortet er. Er könne nicht jeden Tag fischen gehen. Er möchte endlich wieder Arbeiten, egal was. Auch das angewiesen sein auf fremde Hilfe mache ihm so Mühe. Im Irak hätte er mehr als genug Geld gehabt, ein großes Haus und viel Land und Olivenbäume. Aber hier werde er fast wahnsinnig und er habe einfach zu viel Zeit zum Denken und dann drehen sich seine Gedanken im Kreis.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Abu Abbas: Verstoßen und geflüchtet

Abu Abbas: Verstoßen und geflüchtet

Von Ursula Wohlgefahrt
 

In der kleinen Wohnung, die von Space-Eye angemietet worden ist, sitze ich mit der Familie beim Tee und frisch gebackenen Plätzchen, bei Abu Abbas, seiner Frau Bouchra und den beiden Kindern Fathia und Mustafa. Für den kleinen Mustafa ist es das erste Mal in seinem Leben, dass er in einer Wohnung lebt. Er ist auf der Flucht geboren. Neugierig erkundet er immer wieder das ganze Mehrfamilienhaus, und Bouchra ist ständig hinter ihm her. Die Familie stammt aus dem Irak, südlich von Bagdad aus einer kleinen Stadt. Dort sind beide Eltern geboren, aufgewachsen und blieben auch bis zu ihrer Flucht. Bouchra war Arabischlehrerin bis zu ihrer Heirat.

Abu Abbas war noch ein Kind, als Saddam Hussein gestürzt wurde. Er erinnert sich, wie sie an den Straßenrand liefen und den amerikanischen Truppen zujubelten. Doch dann kam alles schlimmer, von Monat zu Monat. Der Krieg entzweite Nachbarn, die früher trotz unterschiedlichen Religionsrichtungen sich grüßten, sich gegenseitig halfen, zusammen Geschäfte machten, oder bei ihnen einkauften. Plötzlich waren alle gegen alle. Er als Schiit bekam kaum mehr Arbeit. Als Taxifahrer konnte er nicht mehr seine Familie ernähren. Kunden wandten sich von ihm ab.

Abu Abbas zeigt mir ein paar Fotos von früher, seiner Heimat und seiner Familie. Ein tiefer Seufzer und dann: ja was soll er denn tun? Er wollte nicht in den Krieg und nicht für die eine, oder andere Partei für etwas Sinnloses kämpfen. Wie sollte er denn seine Familie ernähren? Er begann, Alkohol zu beschaffen und zu verkaufen. Das Geschäft war sehr riskant, aber mit dem Einkommen konnte er seine Familie über Wasser halten. Viele haben nach dem Stoff gefragt. Einmal haben sie ihn dann erwischt. Der Kontakt mit Alkohol zählt im Islam zu den schlimmsten Verfehlungen. Er wurde gefoltert, verurteilt und ins Gefängnis geworfen. Seine Eltern und Geschwister mussten sich von ihm abwenden, damit sie in dieser Stadt überleben konnten. Sie drohten, ihn bei der erstbester Gelegenheit zu erschießen.

 

Unter solchen Bedingungen lebte Abu Abbas mit seiner Familie im Camp, bevor Space-Eye auf sie aufmerksam wurde.

Nun fiel der Broterwerb völlig weg. Aus Angst um seine Frau und Kinder verkaufte er alles, was er besaß, und fuhr nach Erbil. Dort kaufte er sich ein Flugticket und flog mit seiner kleinen Familie in die Türkei und anschließend flüchtete er mit dem Boot nach Samos. Hier hat er sich aus allem, was er im Müll an Brauchbarem fand, ein Zelt für seine Familie gebastelt, mitten unter all den anderen Landsleuten. Das Leben im Camp sei für die Familie sehr, sehr hart gewesen, besonders in der Kälte und bei Regen, erzählt Abbas. Der Sturm zerstörte manches Zelt. Sie hatten Glück. Sie sind so dankbar, dass sie jetzt wenigstens ein Zimmer in unserem Projekt haben, mit Dusche und WC. Und weit weg von Ratten, Käfern, Mücken und Müll.

 

Im Camp habe sein Vergehen mit dem Alkohol kein Aufsehen erregt. Da habe jeder seine eigenen Probleme. Ob er denn noch Kontakt habe mit seiner Familie im Irak, frage ich ihn. Nein, antwortet mir Abu Abbas, nein, leider nicht. Dabei ist er dem Weinen nahe. Er dürfe keinen Kontakt mehr haben. In der Familie gelte er nun als „Käfir“ (als  Ungläubiger, oder Gottesleugner). Seine Frau aber habe immer zu ihm gehalten, ja wenn er seine Bouchra und die Kinder nicht hätte…

Was er sich denn von der Zukunft erhoffe, frage ich. Er zeigt mit einer Hand in eine Richtung und sagt: Almanya, Almanya. Dann wolle er wieder als Fahrer arbeiten, egal, ob für Taxi oder einen Bus. Er wolle seine Familie ernähren können und erhoffe sich für seine Kinder eine gute Ausbildung. Wünschen wir ihm, dass sich seine Träume erfüllen mögen.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.