fbpx
Nishimbe

Nishimbe

Wie viel ein Mensch ertragen muss: Nishimbes Geschichte

Nishimbe kommt aus Burundi, einem Land im Osten von Afrika. Sucht man nach „das Ă€rmste Land der Welt“ im Internet, erscheint auf Platz 1: Burundi. Seit ĂŒber hundert Jahren bekĂ€mpfen sich Hutu und Tutsi. Nishimbe ist Tutsi. Einige von Euch erinnern sich vielleicht an ihre Geschichte, die hier veröffentlicht wurde, dieses hier ist die Fortsetzung. Denn Nishimbe ist noch immer auf Samos.

In der Vergangenheit lebt sie mit ihren Eltern und Geschwistern in der burundischen Hauptstadt Bujumbara. Ihre Mutter hat zu dieser Zeit einen kleinen Stand auf dem örtlichen Markt. Der Vater ist Fahrer fĂŒr Politiker der Oppositionspartei. Immer wieder gibt es EinschrĂ€nkungen fĂŒr die Kinder, schließlich wird es zu gefĂ€hrlich, die Schule zu besuchen.

Eines Abends dringt eine bewaffnete, vermummte Gruppe mit burundischen Polizisten in das Haus der Familie ein. Alle mĂŒssen sich in einem Raum versammeln. Nishimbe muss sich entblĂ¶ĂŸen. Sie wird brutal vor den Augen ihrer Familie vergewaltigt. Als der Vater sich wehrt, wird er mit zwei Kugeln in die Brust erschossen. Dem Bruder und schließlich auch der Mutter ergeht es so. Die Polizei nimmt die drei Leichname mit, Nishimbe und ihre Schwester werden einfach im Raum zurückgelassen.

Sicher denkt ihr jetzt als Lesende, dass der schlimmste Teil von Nishimbes Geschichte hinter Euch liegt. Aber leider funktioniert es so oft nicht und die Welt erscheint nicht gerecht mit Menschen, die Schlimmes erleiden mĂŒssen.

Nishimbe und ihre Schwester kommen ĂŒber Umwege in ein Heim nach Uganda, die Schwester geht zur Schule, Nishimbe arbeitet als HausmĂ€dchen. Eines Tages kommt ein Mann in das Heim, erzĂ€hlt Nishimbe von der TĂŒrkei, von den Möglichkeiten dort. Dass es Arbeit gebe, dass sie einfach nur mitkommen mĂŒsse, er wĂŒrde alles organisieren.

Doch die Arbeit in der Türkei stellt sich als Zwangsprostitution heraus. Aus purem GlĂŒck findet Nishimbe einen Menschen, der ihr hilft zu entkommen. Sie sagt, sie sei ihm ewig dankbar dafür.

Nishimbe lÀsst sich nicht unterkriegen, findet Arbeit in Fabriken und Restaurants, kann ihrer Schwester, die im Heim in Uganda geblieben ist, sogar etwas Geld schicken.

Andere Flüchtlinge erzählen ihr von Europa. Was dort besser sein solle. Dass es in der TĂŒrkei keine Zukunft gibt, merkt sie selbst bald. Gar nicht weit entfernt sei die europĂ€ische Außengrenze ĂŒber das Meer. Nishimbe findet einen Schlepper, bezahlt 900 € und macht sich auf den Weg nach Lesbos.

Und sie kommt an. Es war windig, es war beÀngstigend im kleinen Boot. Sie ist völlig durchnÀsst. Aber sie ist auf Lesbos. Es ist Oktober 2020.

Aber die Überfahrt und alles davor waren hart, seelisch, aber auch körperlich. Zu hart fĂŒr ihren geschwĂ€chten Körper. Sie hat das GefĂŒhl, sich nicht mehr bewegen zu können. Schleppt sich ins nĂ€chste GebĂŒsch, bleibt zwei Tage dort liegen. Dann rafft sie sich auf, geht zur nĂ€chsten Straße, findet Fischer, die ihr den Weg zeigen bis zur Landstraße.

Ein Bus hĂ€lt an. Griechische Polizei, wird sie spĂ€ter erfahren. Auf einem Feld mĂŒssen sich Nishimbe und die anderen FlĂŒchtlinge, die bereits im Bus saßen, aussteigen. Männer auf die linke Seite, Frauen auf die rechte. Alle mĂŒssen sich nackt ausziehen. Geld, RĂŒcksĂ€cke, Handys – alles abgeben. Die Uniformierten ziehen ihre Gürtel aus. Schlagen auf die nackten, frierenden Menschen ein.

Noch nicht genug, mĂŒssen sie wieder einsteigen, dĂŒrfen sich zumindest anziehen. Sie werden zum Hafen gebracht. Dort mit einem Boot zu Schlauchbooten gebracht, mitten ins Meer. Die Begleiter fahren ab, die Boote treiben ziellos im Meer. Stunden später werden sie von der türkischen Küstenwache gesichtet. Und mĂŒssen zurĂŒck in die TĂŒrkei.

Wer immer sich bisher gefragt hat, was ein Pushback ist, weiß es jetzt. Denn leider ist Nishimbes Geschichte kein Einzelfall, egal, was behauptet wird.

Nishimbe ist körperlich in einem so schlechten Zustand, dass sie drei Monate in einem Krankenhaus in Izmir aufgepäppelt werden musste. Bis heute hat sie sich nicht alles regeneriert, geblieben ist ihr ein hinkender Gang.

Aber dieser Pushback ist nicht unbeachtet geblieben. Ein Anwalt aus Athen meldet sich bei Nishimbe. Mit seiner Hilfe klagt sie gegen das Vorgehen der Polizei und von Frontex beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die Klage ist immer noch anhängig. Und mittlerweile gibt es mehrere Klagen von FlĂŒchtlingen. Aktuell wird gerade der Fall einer syrischen Familie verhandelt, die in der Annahme, sie wĂŒrden aufs Festland fliegen, in ein Flugzeug einstiegen und in der TĂŒrkei gelandet sind. Aber das sind EinzelfĂ€lle. Die Klagen, nicht die Pushbacks.

Im Juli 2021 entscheidet sich Nishimbe nochmals fĂŒr eine Überfahrt nach Europa, sie landete nun auf Samos. Ihr wird plötzlich Asyl gewĂ€hrt. Sie wird in das Space-Eye Hellas Housing-Projekt aufgenommen und bewohnt ein kleines 1-Zimmer-Appartment.

Es ist April 2023. Was ist aus Nishimbe geworden?

Nishimbe wohnt immer noch in dem 1-Zimmer-Appartment, kann es jetzt aber selbst bezahlen. Seit einiger Zeit arbeitet sie als Übersetzerin bei Medicine Sans FrontiĂšre. Sie ĂŒbersetzt fĂŒr die Ärzte Lingala und Französisch ins Englische. In Vollzeit und sie wird dafĂŒr bezahlt. Große SprĂŒnge kann sie damit nicht machen, aber zumindest kann sie sich selbst versorgen.

Sie will noch mal zurĂŒck nach Lesbos, sagt, sie glaube, sie brauche das, um zu verarbeiten, was ihr dort passiert ist. Sie möchte den Strand noch einmal sehen dort, an dem sie angekommen ist. Ich sage ihr, dass ich es mit ihr machen werde, wenn ich selbst zurĂŒckkomme nach Griechenland, im Herbst.

Deutschland, sagt sie, dorthin wĂŒrde sie gerne einmal fahren. Und vielleicht auch bleiben. Sie hĂ€tte gehört, es gĂ€be dort die Möglichkeit zu studieren, mehr aus dem eigenen Leben zu machen. Sie sagt das mit voller Energie in der Stimme.

SpÀter sitzen wir zusammen. Irgendjemand von uns fragt, ob sie nun genug Geld verdiene, um die Schwester zu versorgen oder sie sogar herzuholen. Nach Samos. In Sicherheit.

Nishimbe schweigt einen Moment. Vielleicht, sagt sie. Aber sie wisse nicht, wo ihre Schwester sei. Seit einiger Zeit sei sie verschwunden. Aus dem Heim in Uganda.

Das Projekt darf nicht enden! Sie möchten Space-Eye Hellas unterstĂŒtzen?

betterplace.org/de/p89765

https://space-eye.org/uschis-housing-project

Oleg und Maria

Oleg und Maria

Ich hĂ€tte nie gedacht, dass ich mit ĂŒber 80 Jahren flĂŒchten mĂŒsste

Text: Barbara Costanzo, Foto: Thomas Ratjen

Der Ukrainekrieg ist ĂŒber ein Jahr alt. Mehr als eine Million Menschen aus der Ukraine sind in Deutschland angekommen. Doch natĂŒrlich nicht nur in Deutschland. Auch auf der Insel Samos gibt es ukrainische FlĂŒchtlinge und sie werden von Uschi Wohlgefahrt und Space-Eye Hellas unterstĂŒtzt.

Der 84-jĂ€hrige Oleg hatte in seiner Heimat viele Berufe und ist ein Multitalent. Er arbeitete als Fotograf, hatte eine Schusterwerkstatt und war Handwerker. Seine großen Hobbys sind das Angeln und sein Garten. Gemeinsam mit seiner Frau Maria floh er 2022 aus der Ukraine. Sie kommen aus einer der StĂ€dte, die die meisten von uns erst durch die Medien und im Zusammenhang mit Kriegsereignissen kennengelernt haben. Oleg, der sich und seine Familie sein Leben lang selbst versorgen konnte und der im Alter eine gesicherte Pension hatte, ist nun auf Hilfe angewiesen. Er zeigt uns Fotos von seinen vielen AngelausflĂŒgen, seinem Haus, dem großen Garten. „Das war frĂŒher“, sagt er, „das war zu Hause.“

Uschi Wohlgefahrt nahm die Familie ins Housing-Projekt von Space-Eye Hellas auf und organisierte ihnen, die obdachlos zu werden drohten, eine kleine Wohnung. Oleg sagt als einen der ersten SĂ€tze: „Ich muss hier sein, aber mein Herz schlĂ€gt in der Ukraine. Und ich bin dankbar, dass uns geholfen wird.“

Und das Ehepaar ist nicht das Einzige, das nach Samos gekommen ist. Sicher nicht eines der naheliegendsten Ziele fĂŒr ukrainische FlĂŒchtlinge und doch hat jede Familie, die hierhergekommen ist, einen eigenen Grund. Bei Oleg und Maria ist es die Tochter, die jahrelang mit der Familie Urlaub auf der Insel gemacht hat und hier Freunde gefunden hatte. Urlaub – damals vor dem Krieg.

Wie auch in Deutschland, bleibt ukrainischen FlĂŒchtlingen einiges erspart: die gefĂ€hrliche Flucht ĂŒber das Mittelmeer, das Camp, ein Asylantrag, das lange Warten auf Papiere. Doch genau wie alle anderen FlĂŒchtlinge erhalten sie vom Staat in Griechenland keine UnterstĂŒtzung – weder Unterkunft noch finanzielle Hilfe. Deshalb ist Space-Eye Hellas hier auf Samos und in Athen in den Housing-Projekten so wichtig. Und auch, weil das Projekt viel mehr ist als finanzielle UnterstĂŒtzung – die regelmĂ€ĂŸigen „Hausbesuche“ erleichtern die Einsamkeit einzugrenzen, in einem fremden Land, mit einer Sprache, die sie nicht verstehen und die auch nicht leicht zu erlernen ist. Zumal es keine Sprachkurse oder andere Integrationsmaßnahmen gibt und auch keine andere NGO, die sich auf Samos um ukrainische FlĂŒchtlinge kĂŒmmert.

Die beiden wohnen nun in einem gĂŒnstigen kleinen Haus in einem Dorf im Hinterland. Hier geht es ruhig zu, es gibt drei Tavernen, eine BĂ€ckerei, keine Straßennamen oder Hausnummern. Sie haben Kontakt mit den Nachbarn, aber die Sprachbarriere ist ein Hindernis. Oleg und Maria sprechen nur Ukrainisch, doch das spricht hier sonst niemand. Wenn wir sie besuchen, haben sie immer etwas vorbereitet: Kekse, Tee, manchmal ukrainische Teigtaschen. Sie wirken etwas verloren, sprechen immerzu, auch dann, wenn es uns nicht gelungen ist, eine Dolmetscherin mitzubringen. Wir verstehen nur wenige Brocken. Putin, Bomben. Oleg verfolgt ununterbrochen die Nachrichten aus der Ukraine.

An einem Nachmittag im MĂ€rz unternehmen wir mit ihnen und einer alleinerziehenden, ukrainischen Mutter mit zwei Kindern, die auch seit einem Jahr auf Samos lebt, einen Ausflug an einen abgelegenen Strand. Wir sind außerhalb der Touristensaison und ganz allein an diesem im Sommer bestimmt sehr beliebten Fleckchen. Im Wasser bewegt sich eine Schaukel. Die einzige Strandtaverne weit und breit ist noch wochenlang nicht geöffnet. Wir verbringen einen schönen Nachmittag, haben ein Picknick mitgebracht, spielen mit den Kindern im Sand. Oleg und Maria sind still, als wir uns nach einem Kaffee zurĂŒck in Samos-Stadt zum Abschluss des Nachmittags verabschieden.

Wochen spĂ€ter erhalten wir eine Nachricht. Oleg und Maria haben sich entschieden, wieder zurĂŒck in die Ukraine zu gehen. Wir besuchen sie, um uns zu verabschieden. Nein, sagen sie, einen offenen Flughafen gibt es in der Ukraine nicht. Sie werden mit dem Schiff fahren und dann mit dem Bus. Zwei Tage werden sie unterwegs sein, bis sie ihr Haus wiedersehen. Ob sie wirklich ĂŒberzeugt sind von der RĂŒckreise und einem besseren Leben zu Hause? Wir stellen die Frage nicht, doch Oleg beantwortet sie trotzdem: „Wenn es gar nicht geht, können wir einfach zurĂŒckkommen. Die Ukraine ist doch unsere Heimat und wir sind zu alt, um allzu lange fortzusein!“

Mit zwei Koffern sind sie gekommen, mit zwei Koffern gehen sie wieder zurĂŒck. Als wir zu unserem Auto gehen, sind wir nachdenklich. Was werden die beiden wohl vorfinden an dem Ort, den sie vor einem Jahr verlassen haben?

Space-Eye hat ein Video Ende 2022 mit Familien aus der Ukraine, die unterstĂŒtzt werden, veröffentlicht. Maria und Oleg sind auch darauf zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=6JZj80SYDH4&t=5s

Das Projekt darf nicht enden! Sie möchten Space-Eye Hellas unterstĂŒtzen?
https://space-eye.org/hellas

Popi

Popi

Wir haben vier Jahre in Ruanda gelebt

Diese Geschichte von Space-Eye Hellas fĂŒhrt uns in die Vergangenheit. Popi weiß, wovon sie spricht. Denn sie war als kleines MĂ€dchen FlĂŒchtling und musste die Insel Samos 1942 verlassen. Und Jahre spĂ€ter musste sie auch wieder zurĂŒckkommen. Beides, obwohl sie es so nicht gewollt hat. Und dann auch noch nach Ruanda? Erinnert Euch das an die neuesten Nachrichten aus England und DĂ€nemark, die Ruanda nutzen wollen, um Asylverfahren auszulagern?

Popi ist heute 85 Jahre alt. Sie wohnt in einem kleinen Bergdorf auf Samos, der Insel, auf der sie geboren wurde. Wann immer wir Popi treffen, hat sie ein PĂ€ckchen gepackt. Mit Kleidern, Geschirr, TĂŒchern. Sie sammelt fĂŒr die FlĂŒchtlinge auf Samos.

Aber nun zur Vergangenheit. Der Zweite Weltkrieg wĂŒtet und hat auch die griechischen Inseln erreicht. Bomben fallen, auch wenn Popi sich hieran nicht mehr erinnern kann. Wohl kann sie sich aber daran erinnern, dass ihre Eltern sie und ihre Geschwister und zwei Ziegen gepackt haben und in ein Boot gestiegen sind. Die Mutter hat sogar das Mittagessen mitgenommen, das sie vorbereitet hatte. Bohnen mitsamt der Pfanne. Popi ist die jĂŒngste und ihre Mutter ist schwanger.

Sie wollen auf die andere Seite, in die TĂŒrkei, nach Kusadasi, denn da kommt ihr Vater ursprĂŒnglich her. Noch glauben sie, dass sie dort bei Verwandten bleiben können. Doch es soll anders kommen. Denn auf der nahen tĂŒrkischen Seite ist man auf die FlĂŒchtlinge aus Griechenland vorbereitet. Und man will sie dort nicht haben.

Das Rote Kreuz nimmt sie in Empfang – welches, weiß sie nicht. Sie kommen in ein FlĂŒchtlingslager, mĂŒssen dort einige Zeit ausharren, bis immer mehr Griechen ankommen. Eines Tages geht die lange Reise los. Von EnglĂ€ndern und Amerikaner ist sie organisiert. Mit dem Zug fahren sie viele Tage und NĂ€chte. Der ganze lange Zug ist voll mit FlĂŒchtlingen. Dann geht es in einem Hafen auf ein Schiff, ein großes Kriegsschiff, und auch dieses ist voll mit FlĂŒchtlingen aus Griechenland. „40 Tage und 40 NĂ€chte“ soll ihre Mutter immer gesagt haben, so lange seien sie auf dem Meer unterwegs gewesen. Bis nach Afrika. Dort wieder in einen Zug, der sie nach Tagen nach Ruanda bringt, das damals noch mit Burundi vereint war.

Die Überraschung war groß! Es gab ein Dorf. Mit kleinen HĂ€usern, einer griechischen Kirche, Versammlungsorten und einer Mauer drumherum. Als Kind nimmt sie keine Mauer wahr. Nur viele Kinder, die wie sie neu hier sind und sich schnell anfreunden. Auch Kinder aus den umliegenden Dörfern lernen sie kennen. Auch, wenn sie nicht zusammen in die Schule gehen dĂŒrfen.

Sie erinnert sich gerne an diese Zeit. Erinnert sich an die ĂŒppigen FrĂŒchte, die sie ernten und essen. Daran, dass sie morgens die griechische und die belgische Nationalhymne gesungen haben. Noch heute kann sie Teile der belgischen und singt sie uns vor. Eine unbeschwerte Zeit, das ist das, woran sie sich erinnert. Auch wenn dies fĂŒr die Erwachsenen wahrscheinlich nicht so gewesen sein mag. Sie dĂŒrfen nur im FlĂŒchtlingsdorf arbeiten. Ihr Vater betreibt bald ein kleines Kafeneon. Ihre Mutter verliert aufgrund der Strapazen das ungeborene Kind. Alle haben immer wieder Malaria und sind schwer krank.

Sie erinnert sich an den Besuch der belgischen Königin. Und an Spendenkisten aus Amerika. Auch wenn alle HĂ€user genau gleich sind, fĂŒhlt sie sich wie in einem wĂ€rmeren Griechenland, versteht die Sprache der anderen und geht mit ihnen jeden Tag zur Schule.

Ihre jĂŒngere Schwester wird im Camp geboren, die Familie hat sich eingelebt. Doch eines Tages ist der Krieg vorbei. Es dauert noch eine Weile, aber dann mĂŒssen sie zurĂŒck, sie haben keine Wahl. Und wieder werden sie in einen Zug gesetzt, der sie zu einem Schiff bringt, das sie viele Tage ĂŒber das Meer fĂ€hrt und auf der anderen Seite in einen Zug entlĂ€sst, der quer ĂŒbers Land fĂ€hrt. Zuletzt gibt es eine FĂ€hre und die Griechen sind zurĂŒck auf Samos.

Aber der Schock ist groß, als sie zurĂŒck in ihr Dorf kommen. Alles ist geplĂŒndert, ihr Haus gibt es nicht mehr. Niemand hatte sie informiert, denn niemand hatte ĂŒberhaupt geglaubt, dass sie noch lebten. Und eine Alternative hĂ€tten sie ohnehin nicht gehabt.

Nichts habe es gegeben. Nichts zu essen, keine Seife, kein Dach ĂŒber dem Kopf. Und Unruhen im griechischen BĂŒrgerkrieg seien bald ausgebrochen. Sie erinnert sich, dass ihre Mutter sie eines Morgens hinausschickt, um etwas zu essen zu finden, denn sie hat nichts, was sie ihr geben kann. Popi sucht nach Obst oder GemĂŒse, aber sie findet nichts. Da sieht sie die Triebe an einer Rose und isst sie. Als sie wieder zu ihrer Mutter kommt, erzĂ€hlt sie ihr von der Rose. Die Mutter setzt sie auf eine Tischkante und fragt sie, ob sie Bauchschmerzen habe. Nein, sagt Popi. „Dann warte noch eine halbe Stunde hier. Und wenn Du immer noch keine Bauchschmerzen hast, gehst Du hinaus und holst auch noch die anderen Triebe der Rose!“

Abends betet die Mutter am Bett der Kinder: „Herr, mach, dass die Nacht lange dauert, denn ich weiß nicht, was ich den Kindern am neuen Tag zu essen geben soll!“

Popis Leben wird turbulent sein. Sie geht in die Schweiz, lebt dort ĂŒber 30 Jahre und arbeitet sich als Schneiderin hoch. Nur in den besten GeschĂ€ften sei sie tĂ€tig gewesen und zeigt uns die antiken NĂ€hmaschinen, die sie heute noch hat. Hat einen Freund in der Schweiz, der aber nichts davon wissen will, im Alter auf Samos zu leben. Sie ist heute zurĂŒck. Hat ein kleines Haus fĂŒr sich gebaut. Und eines fĂŒr ihren Sohn und dessen Familie. Sie ist noch einmal nach Ruanda zurĂŒckgekehrt. Mit ihrer Mutter als diese 80 Jahre alt war. Um die Schwester zu besuchen, die Jahre nach dem Krieg dorthin ausgewandert ist.

Ob es ein Zufall ist, dass Ruanda wieder als Ort im GesprĂ€ch ist, um FlĂŒchtlinge ohne ihr Wissen oder ihren Willen dorthin zu bringen, konnten wir nicht herausfinden. Davon gehört hatten wir vor unserem GesprĂ€ch mit Popi noch nie.

An einem Abend treffen wir uns mit ihr und einer unserer ehemaligen Projektteilnehmerinnen, die aus dem heutigen Burundi stammt. Sie hat schreckliches Leid erfahren und blickt auf Burundi sicher deutlich weniger nostalgisch, als Popi es im RĂŒckblick tut. Doch unsere Anspannung ist unbegrĂŒndet. Die beiden sitzen auf der Couch, trinken Tee und singen Lieder in einer Sprache, die nur die beiden verstehen. Und dass das so ist, liegt an Popi, die nie vergessen hat, was es bedeutet, ein FlĂŒchtling zu sein.

Das Projekt darf nicht enden! Sie möchten Space-Eye Hellas unterstĂŒtzen?

https://www.betterplace.org/de/projects/108378-health-network

https://space-eye.org/hellas

Fatma

Fatma

Ich möchte fĂŒr einen Tag Touristin sein

Fatma ist eine der Ersten, die ich auf Samos kennenlerne. Sie ist gerade zwanzig Jahre alt und seitdem sie elf ist, ist sie unterwegs. Heute hat sie Aufenthalt in Griechenland und arbeitet als Übersetzerin bei einer NGO, die Ă€rztliche Versorgung fĂŒr Camp-Bewohner und FlĂŒchtlinge auf der Insel Samos anbietet. Sie sagt, es sei ein wunderschöner Moment gewesen, als sie die Zusage hierfĂŒr erhalten habe. Fatma wird von dem Housing-Projekt von Space-Eye Hellas unterstĂŒtzt.

Fatma hilft auch mir bei Übersetzungen fĂŒr Space-Eye, und so verbringen wir immer wieder Zeit miteinander. Fatma ist einfĂŒhlsame Übersetzerin, interpretiert nicht, fragt lieber zweimal nach, wenn etwas nicht ganz klar ist. „Manchmal ist es sehr schwer fĂŒr mich“, sagt sie, „ich habe Englisch auch erst hier gelernt, eine Schule konnte ich so gut wie gar nicht besuchen in meinem bisherigen Leben“.

Fatma erinnert sich an die Nacht in Syrien, als sie mit ihren jĂŒngeren Geschwistern im Innenhof des gerĂ€umigen Hauses spielt. Es ist Ramadan und alle sind lange wach. Sie wohnen mitten in der Stadt, und bisher hat es nur Angriffe weiter entfernt gegeben. In dieser Nacht aber hört sie den Helikopter, der nĂ€her kommt. Und sie hört das sirrende GerĂ€usch als er die Bombe abwirft. Dieses GerĂ€usch verfolgt sie noch heute in den TrĂ€umen.

Alle sind zu Hause, aber wie durch ein Wunder wird nur Fatma selbst leicht verletzt, muss im Krankenhaus genĂ€ht werden. „Nichts Schlimmes“, sagt sie, „nur ein paar Schnitte im Gesicht.“ Aber das Haus gibt es nicht mehr. Alles ist zerstört, sie können nicht mal das Nötigste herausholen. Ihre Mutter hatte ihren Brautschmuck an, deshalb konnten sie ihn retten.

Sie versuchen es innerhalb von Syrien, aber es ist nicht sicher. Deshalb entschließen sie sich, mit einem Auto zur tĂŒrkischen Grenze zu fahren und zu Fuß in die TĂŒrkei zu fliehen. Zu dieser Zeit gibt es nachts keine Kontrollen. Die Kinder haben Angst, aber sie kommen ohne Probleme auf der anderen Seite an, wo sie von Freunden in Empfang genommen werden. Doch bei den Freunden können sie nicht bleiben. Es gibt keine Arbeit in der Gegend und schon gar nicht fĂŒr kurdische FlĂŒchtlinge. Istanbul! Dort sei es besser, sagt man ihnen.

Doch der Vater bekommt aufgrund einer körperlichen EinschrĂ€nkung auch in Istanbul keine Arbeit. Die Mutter geht an sechs Tagen in der Woche in eine Fabrik, um zu nĂ€hen, von morgens bis abends. Das Geld, das sie nach Hause bringt, reicht nicht, und so mĂŒssen auch die Ă€lteren Kinder mitarbeiten. Der Schmuck wird allmĂ€hlich verkauft.

Fatma geht mit in die Fabrik, sie will nicht allein zu Hause bleiben. Als der Besitzer sie sieht, bietet er der Mutter an, dass das Kind mitarbeiten kann. FĂŒr einen geringeren Lohn natĂŒrlich. Und das tut Fatma, jahrelang.

„Ich möchte so gerne einmal in eine Schule gehen, lernen, studieren – das ist mein großer Traum! Immer, wenn es fast so weit war, gab es Wichtigeres, musste ich arbeiten, um die Familie zu ernĂ€hren.“ Ihre Mutter hat mittlerweile stĂ€ndig RĂŒckenschmerzen, musste operiert werden, doch es hat nichts verbessert. Ihr Vater kann nie mehr arbeiten. Die Ă€lteren Geschwister sind verheiratet, ein Bruder im Krieg gestorben.

WĂ€hrend sie 2019 mit ihrem jĂŒngsten Bruder nach Samos flĂŒchtet, bleiben die Eltern in der TĂŒrkei, fĂŒr sie wĂ€re die gefĂ€hrliche Reise ĂŒber das Meer nicht machbar, sagt Fatma, und das Geld reichte auch nur fĂŒr zwei. Seitdem ist sie auf der Insel, der Bruder ist weiter nach Deutschland, als er seine Reisedokumente erhĂ€lt.

Ich frage sie, ob sie Samos mag. Sie antwortet, dass sie zwar seit ĂŒber drei Jahren hier sei, aber nicht wirklich etwas gesehen hĂ€tte. „Ich wĂŒnschte, ich könnte einen Tag Touristin sein!“ Wir unternehmen Touren ĂŒber die Insel, fahren zu kleinen Bergdörfern, kaufen SĂŒĂŸigkeiten in einem winzigen Supermarkt und schauen an einsamen StrĂ€nden aufs Meer. Fatma sagt, sie sei aufgeregt, hĂ€tte nicht gedacht, dass die Insel so schön sei. Wir machen Fotos und machen aus, dass wir bei jeder unserer Touren ein Foto mit uns und der griechischen Fahne machen. Einfach nur so und weil nicht immer alles einen Sinn haben muss.

Immer wieder erzĂ€hlt Fatma von der Nacht, in der sie mit ihrem Bruder ĂŒber das Meer gekommen ist. In einem kleinen Schlauchboot. Mit vielen anderen. Erwachsenen, Kindern. Vor allem an die Kinder erinnert sie sich gut, sie hĂ€tten immerzu geweint. „Wie lange seid Ihr unterwegs gewesen?“ Sie weiß es nicht mehr. Stunden sagt sie. Ob sie gewusst hĂ€tte, wohin sie unterwegs war. Nein, sagt sie, das hĂ€tten ihr erst die Polizisten nach ihrer Ankunft gesagt. Von Samos hĂ€tte sie vorher noch nichts gehört. Und ob sie in Europa angekommen sei, hĂ€tte sie auch nicht sofort gewusst.

Es sei so kalt gewesen auf dem Meer. Und schrecklich dunkel. Wie immer ist der Schlepper nicht mitgekommen. Wie immer kannte sich niemand aus, nicht mit dem Boot, nicht mit der Richtung. Jemand erinnert die anderen daran, dass sie niemanden anschauen dĂŒrften, wenn die Polizisten nach dem BootsfĂŒhrer fragen. Der komme sonst ins GefĂ€ngnis.

Sie sagen noch am Strand angekommen: „No Pushback, please!“ Nein, sagen die Polizisten, heute kein Pushback. Sie frieren in den nassen Kleidern, haben Hunger und Durst. MĂŒssen viele Stunden in der Polizeistation warten. Und werden dann in das alte Camp am Berg gebracht. Ein Elendslager und völlig ĂŒberfĂŒllt. Mit zusammengezimmerten HĂŒtten, stinkenden Toiletten, ohne Strom und fließend Wasser. Im offiziellen Teil des Camps hinter dem Zaun ist lĂ€ngst kein Platz mehr. Irgendjemand nimmt sie in der ersten Nacht mit in seinem Verschlag auf. Am nĂ€chsten Tag kaufen sie ein kleines Zelt. Ob sie gewusst hĂ€tte, dass sie in das Lager mĂŒsse, frage ich Fatma. „Nein“, sagt sie, „das war ein Schock. Ein schlimmer Schock.“

Sie wisse nicht, wie sie durchgekommen seien. Es sei schrecklich gewesen, die Langeweile, die stÀndigen Streitigkeiten im Camp, Regenwasser im Zelt, Ungeziefer. Und es sei so kalt gewesen. Samos ist eine windige Insel.

Einmal seien viele Inselbewohner gekommen, den Berg hochgeklettert im Camp. Das war der Tag des großen Erdbebens im Herbst 2020. Und der Tag mit der Tsunami-Warnung. „Das war sicher der einzige Tag, an dem das alte Camp sicherer war als der Rest der Insel“, sagt Fatma lĂ€chelnd.

Al Jazeera kommt an einem Tag und interviewt die Menschen im Camp. Wir schauen uns den Film auf YouTube an. Fatma ruft die Namen derjenigen, die mit dem Journalisten sprechen. „Wir kannten uns alle gut“, sagt sie, „ich vermisse meine Freunde!“ Eine Familie ist mittlerweile in Deutschland, eine andere in Athen. „Ich möchte sie alle wiedersehen“, sagt Fatma. Alle ziehen weiter, Fatma ist noch hier.

„Ich vermisse meine Mutter so sehr“, sagt Fatma, „eine junge Frau sollte nicht ohne ihre Mutter sein“. Aber in die TĂŒrkei darf sie erst in mehr als zwei Jahren, vorher bekommt sie kein Visum. Auch wenn die KĂŒste der TĂŒrkei jeden Tag zum Greifen nahe ist und tĂ€glich Touristen von der einen zur anderen Seite fahren. Fatma wird warten mĂŒssen. Auch wenn es Tage gibt, an denen sie nicht glaubt, dass sie das durchhĂ€lt.

Das Projekt darf nicht enden! Sie möchten Space-Eye Hellas unterstĂŒtzen?
https://www.betterplace.org/de/projects/108378-health-network
https://space-eye.org/hellas

Barbara

Barbara

Ich hoffe, ich kann im Herbst zurĂŒckkehren!

Drei Monate als Freiwillige auf Samos

Eigentlich hatte ich, Barbara, dem Artikel schon einen Titel gegeben: „Es ist nicht leicht, zurĂŒck nach Hause zu kommen.“ Aber das war, bevor ich Samos nach 3 Monaten Einsatz bei Space-Eye Hellas verlassen habe. Es ist schwer, die Frage, die ich jetzt immer wieder gestellt bekomme, zu beantworten: „Und, wie war es?“ Schwer, weil es alles war: wunderschön und gleichzeitig verwirrend und auch bedrĂŒckend. Deshalb ist es nicht schwer, nach Hause zurĂŒckzukehren. In eine Welt, die ich kontrolliere – glaube ich zumindest.

Ich erreiche Samos an einem sonnigen, aber windigen Januartag, und Uschi Wohlgefahrt holt mich vom Flughafen ab, zeigt mir gleich einen der tollen KĂŒstenorte und wandert mit mir am Meer entlang. Und dieser Teil sollte immer so bleiben: eine wunderschöne Insel, sonnig, windig und mit einer grandiosen Partnerin im Housing-Projekt, mit der ich so eng zusammen gewachsen bin ĂŒber all die GesprĂ€che, Fastenbrechen-Abende, Apartment-Reinigungen, gemeinsamen Besuche bei unseren Projektteilnehmenden. Wir hatten lustige Zeiten zusammen (auch bei Dingen, die andere vielleicht nicht so lustig finden wĂŒrden wie die BekĂ€mpfung der hartnĂ€ckigen Bettwanzen in zweien unserer Apartments) und auch traurige gemeinsame Momente wie den, als wir gemeinsam das Grab von Mimis Tochter gesucht haben. Sie ist nur sechs Jahre alt geworden und hat die Überfahrt aus der TĂŒrkei nicht ĂŒberlebt. Zu meiner Zeit mit Uschi gibt es nichts anders zu sagen als: Ich wĂŒnschte, sie wĂŒrde nie enden!

Aber es gibt das Samos, das ĂŒberhaupt nicht mit den Facebook-Seiten zu „Samos Paradise“ und den Urlaubern, die die Tage bis zu ihrer Anreise herunterzĂ€hlen, zusammenzupassen scheint. Ein Samos, bei dem ich noch so abgelegen sein konnte, inmitten wunderschöner Natur, und trotzdem die Frontex- und KĂŒstenwachboote in den Buchten gesehen habe. Mit Suchscheinwerfern im Dunklen, wenn die meisten Boote kommen – und wir wissen, was sie suchen. Und leider nicht, um die Menschen an die europĂ€ische KĂŒste zu bringen, sondern allzu oft, um sie wieder loszuwerden – zurĂŒck in die TĂŒrkei und mit viel mehr Gewalt als es fĂŒr diesen Verstoß gegen die Menschenrechte nötig wĂ€re. Was heißt schon nötig? Nichts daran ist nötig und ein Auftraggeber tritt nicht aus dem Schatten. Aber leider auch niemand, der es Ă€ndert.

Ein Samos, auf dem Menschen festsitzen wie Amir (https://space-eye.org/wenn-ein-sehnsuchtsort-zur-falle-wird), der des Menschenschmuggels beschuldigt und dem, wie so vielen anderen in seiner Lage, die absurde Höhe von zehn Jahren GefĂ€ngnis pro Mensch auf dem Boot, angedroht wird. Etwa 250 Jahre mĂŒssten es in seinem Fall werden.

Und es geht nicht nur um Samos. Auch die Inseln in der Umgebung wie Lesbos sind ebenso widersprĂŒchlich. Ich habe bei meinem Aufenthalt dort verschiedene Geschichten geschrieben, die von Samia (https://space-eye.org/samia) hat viele von Euch nicht mehr in Ruhe gelassen und so individuell jede der Geschichten ist, so oft wiederholt sie sich auch so oder so Ă€hnlich.

Ich denke an die vielen schönen Begegnungen, wenn ich hier in meiner großen, schönen KĂŒche mit Ausblick in einen grĂŒnen Garten sitze und schreibe. Etwa den Sonntag, an dem das Foto entstand. Alles begann mit meiner Sonntagswanderung mit meiner wunderbaren Wandergruppe. Ich wusste, dass ich nachmittags noch eine Begleitung zur FĂ€hre nach Athen hatte. Endlich kann die junge Mutter mit dem kleinen Ali zu ihrem Mann, der vor Monaten nach Athen ins Krankenhaus musste, wĂ€hrend sie auf die Papiere auf Samos warten musste. Kein großes Ding, wir hatten die Tickets vorab gekauft und alles gepackt. Doch dann kam Uschi und mir die Idee, dass wir Fatma (ihre Geschichte werdet Ihr noch zu lesen bekommen) direkt mit umziehen könnte und wenn Fatma ein zu groß gewordenes HĂ€uschen leermacht, könnte dort ein ukrainischer Vater mit seinen beiden Kindern direkt einziehen, denn sie sind in Not. Ja, warum nicht? Vielleicht hĂ€tte ich nicht alles an einem Sonntag, an dem Uschi nicht vor Ort war, in Angriff nehmen sollen 
 Und vielleicht wĂ€re alles lĂ€ngst nicht so intensiv geworden, wenn nicht die FĂ€hre 6 Stunden VerspĂ€tung gehabt hĂ€tte und wir viel Zeit zusammen hatten: der kleine Ali, Aisha und ich. Am Hafen: viele andere FlĂŒchtlinge, die endlich die Insel verlassen dĂŒrfen – voller Hoffnung, den neuen Pass in der Hand und mit Angst, was nun auf sie zukommen wird, wenn sie nach Monaten, manchmal Jahren in die unĂŒbersichtliche Großstadt Athen kommen.

Viele Menschen habe ich in den nur drei Monaten kommen und gehen sehen wie Yousef (https://space-eye.org/ich-werde-niemals-vergessen-was-ich-im-camp-erlebt-habe), fĂŒr den ich so sehr hoffe, dass sein Traum nach guter Arbeit und einer Unterkunft auf dem Festland in ErfĂŒllung gegangen sind.

Oft bin ich gefragt worden: „Ist das eigentlich ein großes Problem fĂŒr den Tourismus auf Samos – das mit den FlĂŒchtlingen?“ Nie bin ich gefragt worden: „Ist das eigentlich ein großes Problem fĂŒr den Tourismus – das mit den Menschenrechtsverletzungen?“ Denn sie sind prĂ€sent, nicht sichtbar, nicht fĂŒr Urlauber-Augen, nicht mal immer fĂŒr die Alltags-Insel-Augen, aber ein Geheimnis sind sie nicht. Alles ist dokumentiert, von Hunderten Zeugen festgehalten, in Berichten von Menschenrechtsorganisationen beschrieben und auch der EuropĂ€ischen Kommission x-mal vorgetragen. Ich habe Griechen getroffen, die sie gesehen haben, aber nicht wissen, an wen sie melden sollen. Denn die, an die man sich wenden sollte, scheinen selbst darin verstrickt. Die Pushbacks, das Hindern von Menschen an ihrem Recht auf einen Asylantrag in Europa, Gewalt in Camps, die Liste ist lang. In einer Woche als ich auf Samos bin, werden von 34 Booten, die die griechischen Inseln erreichen wollen, 32 zurĂŒckgepushed. Und wir sollen nie vergessen: Es sind nicht die Boote, es sind die Menschen, die Schlimmstes erleiden mĂŒssen. Vielleicht denkt ihr: Sie ĂŒbertreibt! Ich wĂŒnschte, es wĂ€re so.

Eine Frau, die mich nicht gut kennt, fragt mich nach meiner RĂŒckkehr in Deutschland: „Und? Ist die Welt jetzt eine bessere geworden?“ Ich denke immer noch ĂŒber die Antwort nach. Nein, wahrscheinlich ist sie das nicht, unsere Welt. Leider. Aber ich bin sicher, dass es fĂŒr jede und jeden Einzelnen einen Unterschied macht, im Projekt betreut zu werden. Nicht obdachlos werden zu mĂŒssen. Ansprechpartner zu finden, die sich interessieren und nach Lösungen suchen, wo es keine zu geben scheint. Und dass wir wichtige Momente geteilt haben, die hoffentlich Mut machen, dass zu schaffen, was vor ihnen liegt. Vor den Menschen mit den Schicksalen, die die Medien kaum noch interessieren.

Das Projekt darf nicht enden! Sie möchten Space Eye Hellas unterstĂŒtzen?

https://www.betterplace.org/de/projects/108378-health-network

https://space-eye.org/hellas

Farsoud

Farsoud

Mein Herz ist ein Stein

Farsoud hat eine neue Frisur. Mit eingeflochtenen Zöpfen und rasiertem Hinterkopf und an den Seiten. Er ist ungefĂ€hr 20 Jahre alt. Sie haben sein Alter nicht korrekt aufgeschrieben, sagt er. Aber das sei egal. Sie könnten es Ă€ndern, wenn sie in Finnland seien. Dort ist der große Bruder, lebt dort schon seit acht Jahren. Dahin will er mit seinem anderen Bruder und seiner Mutter. Wenn sie anerkannt werden. Wenn der Ausweis da ist. Und das Camp auf Lesbos fĂŒr sie Vergangenheit werden darf.

Farsoud arbeitet bei Fabiola und in ihrem Team von Earth Medicine, einer Organisation, die von Space-Eye unterstĂŒtzt wird und seit vielen Jahren und in verschiedenen Camps auf Lesbos tĂ€tig ist.

Die Familie, deren Vater nicht mit dabei ist, lebt in einem der kleineren Zelte im Camp. Leider haben sie keinen Container bekommen, aber sie seien allein im Zelt, nur ihre Familie, sagt Farsoud. Der Mutter geht es nicht gut, sie wĂŒssten nicht, was sie habe. Das Camp sei fĂŒr niemanden gut. Das Essen immer zu wenig. Manchmal schmecke es aber ganz okay. Aber wenn es Fisch gebe, esse er lieber nichts. Einmal sei ihm schlecht geworden und daraus habe er gelernt. Wenn er mit dem Team von Earth Medicine ins Behandlungshaus in die Stadt fahre, könne er dort mitessen. Das sind die guten Tage, sagt Farsoud.

Farsoud kann sich nicht an Afghanistan erinnern. Er war ein kleiner Junge, als die Familie in den Iran gezogen ist. Aber an den Iran kann er sich natĂŒrlich gut erinnern. Und dass vieles fĂŒr ihn als Afghanen verboten war. „Ich wollte in die Schule gehen, aber die erste Schule hat gesagt, sie hĂ€tten keinen Platz mehr. Und die zweite Schule hat das Gleiche gesagt.“ Farsoud hat gesehen, dass das nicht stimmte und das auch gesagt. Aber aufgenommen haben sie ihn nicht. Irgendwann hat es dann doch geklappt. Er wolle studieren, hat viel gelernt dafĂŒr und sein Traum ist etwas mit Chemie. Im Iran hatte man ihm gesagt, dass er keine Chemie studieren dĂŒrfe. Das sei fĂŒr ihn verboten. Er fragt, ob das in Deutschland auch so sei. Dass nicht jeder alles studieren dĂŒrfe. Ich sage ihm, dass das nichts mit Verbot zu habe in Deutschland, sondern oft mit den Noten aus der Schule. Das sei etwas anderes als ein Verbot. Ja, sagt er, das ist etwas anderes.

Farsoud arbeitet von Montag bis Freitag als Übersetzer. Er ĂŒbersetzt Farsi in Englisch und zurĂŒck. Er ist ein sehr gewissenhafter Übersetzer, fragt immer nach, wenn er etwas nicht verstanden hat. Sein Englisch ist nicht perfekt, aber einwandfrei. Er hat sich das meiste selbst beigebracht. Nur wenn es um Frauenangelegenheiten geht, muss er hinausgehen, sagt er, kein Problem!

Farsoud sagt auch, dass er sehr gerne ĂŒbersetzt. Als er ins Camp gekommen sei, habe er immer nach denjenigen geschaut, die fĂŒr Hilfsorganisationen ĂŒbersetzen durften. Und dann hat es fĂŒr ihn auch geklappt. Ob es hart sei, die Probleme der anderen zu ĂŒbersetzen. Wo er doch selbst auch Ă€hnliches durchgemacht habe. Nein, sagt Farsoud. Dann ist mein Herz ein Stein. Dann macht mir nichts mehr etwas aus.

Das Projekt darf nicht enden! Sie möchten Space-Eye Hellas unterstĂŒtzen?

https://www.betterplace.org/de/projects/108378-health-network
https://space-eye.org/health

Mehr erfahren ĂŒber Afghanen im Iran?<
https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/iran
https://www.fes.de/themenportal-flucht-migration-integration/artikelseite-flucht-migration-integration/afghanische-gefluechtete-sind-in-iran-mit-vielfaeltigen-diskriminierungen-konfrontiert