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Von Johanna Albrecht

Es ist Mittwoch, der Tag nach dem ersten Regen des beginnenden Herbsts auf Samos. Ich bin mit Fadil in einer griechischen Pizzeria am Piazza verabredet, um ├╝ber sein Leben und seine Tr├Ąume zu sprechen, woher kommt er und was treibt ihn hierher. Fadil wohnt seit Juni in einem kleinen Einzimmerappartment, angemietet von Space-Eye.

 

Fadil sieht angeschlagen aus, ihm geht es offensichtlich nicht gut. Seine Augen sind zugeschwollen, sein K├Ârper ist von Sorgen gezeichnet. Damit wir uns besser verst├Ąndigen k├Ânnen, kommt ein Freund hinzu, der besseres Englisch spricht. Die beiden erz├Ąhlen mir, dass sie aus Pal├Ąstina kommen. Wo ihre Eltern lebten, dort sei nun Israel, so wuchsen sie im Fl├╝chtlingscamp in Gaza auf. Fadil hat f├╝nf Br├╝der und vier Schwestern, und seine Eltern waren sehr streng. Gaza bietet nicht viel f├╝r Kinder, nach der Schule spielten sie mit Sand bis in die Nacht. “Den Eltern geh├Ârt unser Fleisch und die Knochen geh├Âren den Lehrern”, erz├Ąhlt Fadil mit einem Grinsen. Die Schule war hart, Bildung ist der einzige Ausweg, das wissen alle in Gaza. Fadil hat sein P├Ąckchen des Schicksals fr├╝h bekommen, er und ein Bruder leiden seit dem Kindesalter an Leuk├Ąmie. F├╝r F├Ąlle wie diesen gibt es in Gaza keine Therapiem├Âglichkeiten, geschweige denn Hoffnung.

Fadil gab nicht auf. Damals, erz├Ąhlt er, war er ein junger gut aussehender Mann, dank Gott fand er eine Frau. Die beiden haben zwei Kinder zur Welt gebracht, ein M├Ądchen und ein Junge, beide gesund.

Als sich 2014 die Situation zwischen Gaza und Israel versch├Ąrfte, wurde das wenige, was die Familie besa├č, vollends zerst├Ârt, sie wurden obdachlos. Durch Fadils Krankheitsgeschichte und die Vertreibung der Familie, wurde ihnen eine legale Ausreise nach ├ägypten erm├Âglicht. In Kairo angekommen verkaufte Fadil die Ziegen, die Mitgift seiner Frau, um die Kosten f├╝r seine Behandlung und eine kleine Wohnung f├╝r seine Frau und die Kinder anzumieten. Er verbrachte ganze zwei Jahre im Krankenhaus, er brachte drei onkologische Behandlungen und zwei Operationen hinter sich. Ohne Einkommen hatten sie nichts zu essen und konnten die Kosten f├╝r seine Behandlung nicht weiter bezahlen.

Die Lage der Familie war prek├Ąr und die Verzweiflung war wie eine schwarze Wolke, die ihm das Licht nahm. Wenn er leben wolle, so beteuert er, war seine einzige M├Âglichkeit Europa. Dies wird sich im Weiteren als die gr├Â├čte Fehlentscheidung seines Lebens herausstellen, doch dazu kommen wir noch.

Fadil machte sich alleine auf den Weg und lie├č seine Familie zur├╝ck, dies war vor f├╝nf Jahren. Mit Hilfe kam er es bis nach Istanbul. Dort traf er eine Syrerin, die ihn in ihrer Textilfabrik zwischen den Maschinen auf dem Boden schlafen lie├č. Daf├╝r dass er nachts aufpasste, bekam er einen kleinen Lohn. ├ťber sieben Monate konnte Fadil etwas ansparen.

Was dann folgte, ist die ├╝bliche Prozedur, von der mir jeder hier erz├Ąhlt: Bewaffnete Schlepper, ein Schlauchboot – 8 m x 2 m – mit viel zu vielen Menschen, gro├če Angst und Gottvertrauen. Sie brachen in der Nacht auf an der t├╝rkischen K├╝ste und im Morgengrauen wurde das Boot von der griechischen Polizei erfasst. Nur weil viele Kinder und Frauen an Board waren, so erz├Ąhlt er, wurden sie an Land gezogen und haben die K├╝ste von Samos erreicht, die Au├čengrenze Europas ├╝bertreten. Sie hatten es geschafft, das war im November 2019.

Alle wurden umgehend zum Camp gebracht, und was sie dort erwartete, ist den meisten Europ├Ąern aus den Medien bereits bekannt. Die Erz├Ąhlung von Fadil ├╝ber die unw├╝rdigen Zust├Ąnde, die Erfahrung aus erster Hand, gehen mir trotzdem unter die Haut. Es ist schwer zu begreifen, dass dies mein Europa sein soll, an das ich glauben will. Europa hat viele Gesichter, das Gesicht der griechischen Fl├╝chtlingspolitik erscheint mir wie eine unbarmherzige Fratze.

Nach 13 Monaten im Camp schlie├člich konnte ein Freund Fadil an “Mama Uschi” von Space-Eye vermitteln. Sie half ihm und brachte ihn in einem kleinen Apartment mit K├╝che und Bad unter, wo er seit langem wieder Ruhe und Schlaf finden konnte. Er teilt sich das kleine Apartment mit einem anderen Gefl├╝chteten. Die beiden zeigen gro├če Dankbarkeit f├╝r diese Geste.

Fadil ben├Âtigt Medikamente. Ohne die richtige Behandlung werden seine Tage gez├Ąhlt sein, doch er erz├Ąhlt mir, er lehne die Behandlung in Griechenland ab. Er wolle nur in Deutschland behandelt werden. Seit ein paar Wochen hat er Papiere, eine ID und einen Pass, er k├Ânnte nun weiterziehen und sein Gl├╝ck suchen. Doch bevor er wegkann, und daran glaubt er eigentlich selbst nicht mehr, m├Âchte er seine Familie zu sich holen.

Im Februar (heute haben wir September 2021) erhielt Fadil die Zusage der ├Ągyptischen Beh├Ârden, dass seine Frau und seine Kinder nachkommen d├╝rften. Doch die griechische Botschaft in ├ägypten verz├Âgere oder verweigere seinen Fall.

Unser Gespr├Ąch wird nun sehr schwer und melancholisch. Fadil hat alles versucht, alle ihm zur Verf├╝gung stehenden Mittel und Hebel in Bewegung gesetzt – jetzt kann er nur noch warten. Und das tut er seit Monaten, warten und den Mut verlieren.

Nun sitzt er hier, todkrank, alleine in Europa.

Er ist ein verzweifelter und gebrochener Mann. Er will seine Kinder noch einmal sehen, das ist sein gr├Â├čter Traum und sein letzter Wunsch. Doch ich sehe ihm an, dass seine Hoffnung fast erloschen ist. Wir wissen beide, dass sie nicht mehr kommen werden.

Ich blicke aufs Meer und f├╝hle Trauer. Was f├╝r eine Fehlentscheidung.