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13 Mal hat er es versucht, mit einem Boot von der Türkei auf eine Aegäis-Insel zu kommen. 13 Mal wurde das Boot, in dem er saß, von einer Küstenwache abgefangen, oder sie mussten aus widrigen Umständen wieder umkehren. Dann hatte der 19-jährige Palästinenser Hema aus der Stadt El Nuserat (Gaza) einfach genug. Seine Familie konnte kein Geld mehr für ihn beschaffen und er stand vor der Frage: Zurück in den Gaza? Geht nicht mehr! In der Türkei bleiben: will er nicht. Er möchte nach Europa, um seinen Traum vom professionellen Fußballspieler zu verwirklichen. Also was dann? Schwimmen! Ja, das ist wohl noch die letzte Lösung. Als gut durchtrainierter Sportstudent wagte er es, zusammen mit seinem Freund Ahmed.

Sie reisten von Izmir nach Kusadasi.  Von dort machten sich Hema und Ahmed zu Fuß auf, der Küste entlang gegen Süden bis nach Güzelçamli, wo sie eine Rast einlegten.  Am Abend des 22. Juli 2021, bei der Dämmerung, gingen sie ein letztes Stück zu Fuß bis kurz vor den Eingang des Nationalparks. Nach einer letzten Rast am Ufer des Meeres zogen sie die Kleider und die Schuhe aus, verstauten ein paar Kleider, Papiere und das restliche Geld und ein Telefon in einem Plastiksack und klebten den Plastiksack auf den Leib, sodass er sie beim Schwimmen möglichst nicht störte. Sie versteckten ihre Rucksäcke und Schuhe im Gebüsch, sprachen ein letztes Mal die Al Fathia, umarmten sich und schwammen los in Richtung Samos.

Ahmed ist ebenfalls ein gut durchtrainierter Sportler, anders hätten sie es sonst nicht wagen können. Doch diese Stecke ist mehr als nur mutig. Sie ist eine Meisterleistung. Ein feiner Wind kam von Norden. Sie mussten gegen Südwesten schwimmen. Das Schwimmen raubte ihnen alle Kraft. Nach Mitternacht dachten sie, dass ihr Unterfangen scheitern werde und sie versuchten, auf sich aufmerksam zu machen und die vorbeifahrenden Boote der Küstenwache zu stoppen. Aber ohne Erfolg. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, ertrinken oder weiter schwimmen. Sie schwammen. Mehr als einmal dachten sie, es sei nun ihr letzter Schwimmzug gewesen, mehr gehe einfach nicht mehr. In der Morgendämmerung erreichten sie die Felsen der Bucht von Sidera. Total erschöpft. Die Strömung hatte sie mehr nach Südwesten getragen, als sie planten. Nun mussten sie entweder gegen die Strömung in die Bucht schwimmen, oder über die Felsen etwa 20 Meter rauf klettern. Sie entschieden sich fürs Klettern, um endlich aus dem Wasser zu kommen. Oben angelangt suchten sie sich ein Plätzchen unter einem Baum aus und schliefen völlig erschöpft zwei Stunden. Gegen sechs Uhr machten sie sich auf den Weg, 14 km der geteerten Straße entlang. Müde, ohne Essen und Trinken, ohne die Möglichkeit, etwas Wasser an einem Brunnen unterwegs zu finden, schleppten sie sich viereinhalb Stunden mühsam bis zum alten Camp. Völlig entkräftet kamen sie an.

Die Anerkennung als Flüchtlinge haben Hema und Ahmed dann sehr schnell erhalten. Bereits nach einer Woche wurden sie zum ersten Interview eingeladen, und Mitte Oktober konnte Hema den Pass abholen. Palästinenser werden in Griechenland mit Vorzug behandelt. Andere Nationen müssen da länger warten.

Hema lebte bis zur Auflösung des alten Camps im Dschungel, dann durfte er in die Männer-WG einziehen und half unserem Abdo bei Reinigungs- und Unterhaltsarbeiten. Er war sehr dankbar für jede Hilfe.

Nun wollte er zu seinem Vater nach Deutschland gehen. Dieser war zuvor alleine geflüchtet. Er ist in Deutschland seit zwei Jahren, wo er bei der Bahn als Sicherheitsbeamter in Teilzeit arbeitet. Er war bis 2006 bei der Polizei tätig, bis die Hamas den Gaza übernahm und alle Leute der Al Fathy-Partei verloren die Arbeit. Von da an lebte die 10-köpfige Familie von Hema von Spenden des UNHCR.  Der Vater wollte an dieser Situation etwas ändern. Der Sohn ist ihm nun gefolgt.

Am 22. Oktober erhielt ich eine Videobotschaft aus Deutschland: Vater und Sohn vereint. „Tausend Dank an Space-Eye liebe Mama! Nun bin ich bei meinem Vater in Deutschland!“

Ich werde an dieser Lebensgeschichte dran bleiben und bin gespannt, ob es Hema gelingt, im ProfifuĂźball Karriere zu machen. Vielleicht hören wir mal von einem Sportreporter: “Tor, Tor! … Hema schieĂźt in der 89. Minute das Siegestor fĂĽr Deutschland!” Den Willen dazu hat er. Das hat er uns bewiesen.

 

 

 

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos, Lesbos und in Athen Housing-Projekte, die schon hunderten Menschen Unterkunft geboten haben.