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2019 geht’s los: Space-Eye startet die Satelliten-Überwachung +++ It starts in 2019: Space-Eye launches satellite surveillance

Aktuelles von der Seenotrettung

Abdul hat alles verloren – auch seine Familie

Abdul hat alles verloren – auch seine Familie

Von Ursula Wohlgefahrt

Ich bin Abdul Karrar Mohammed. Ich wurde in Syrien als Flüchtlingskind im Camp Yarmouk, am Rande der Stadt Damaskus geboren. Dort lebte und arbeitete ich. Ich führte ein Baugeschäft und hatte 20 bis 25 Mitarbeiter. Mit meiner Frau habe ich fünf Kinder.

Meine Großeltern stammen aus der Stadt Safed in Palästina. Dies ist eine der wichtigsten Städte für die Juden in Palästina. Im Jahre 1948 wurden meine Großeltern mit unzähligen andern Palästinenser nach Syrien deportiert. Anfänglich war Yarmouk ein Zeltlager nur für Palästinenser. Dann erlaubte die UNO den Palästinensern, den Boden zu kaufen und darauf Häuser zu erstellen. Es bildete sich eine Stadt von ca. vier Quadratkilometern. Meine Familie baute sich dort ein neues Leben auf und ich war mit meinem Baugeschäft erfolgreich.

Seit Ausbruch des Krieges im Jahr 2013 wurde Yarmouk von der syrischen Armee belagert. Es kam kein Essen mehr in die Stadt. Wir aßen alles, was wir fanden, nur zum Überleben, sogar das Gras im Stadtpark. Nach neun Monaten der Belagerung konnte meine Frau mit einer Tochter die Stadt verlassen, um Nahrungsmittel zu beschaffen. Sie wurde bei der Rückkehr geschnappt und durfte die Stadt nicht mehr betreten. Ich habe die restlichen vier Kinder angewiesen, zur Mutter außerhalb der Stadt zu gehen. Meine Frau und meine Kinder wurden anschließend in den Libanon deportiert. Seitdem leben sie dort in einem der größten Zeltlager. Ich habe sie seitdem nicht wieder gesehen. Es war der 4 .5. 2014. Ich wurde angewiesen, im Camp zu verbleiben. Ich versuchte, meine Baumaschinen und mein ganzes Inventar von meinem Baugeschäft so gut es ging, zusammen mit verbleibenden Angestellten, zu retten. Das Camp wurde weiterhin belagert und beschossen, und die im Camp Übriggebliebenen haben sehr unter den Repressalien der Belagerung gelitten. Der Hunger war schlimm und täglich starben Menschen an Unterernährung. Dann im Mai 2018 wurden die restlichen Bewohner von Yarmouk in den Norden von Syrien deportiert, ins Lager Dair Ballout, in der von der Türkei bewachten Zone. Sie nennen es nach einer palästinensischen Stadt im Westjordanland, weil nur Palästinenser dort wohnen. Wir konnten nur das Allernötigste in einer kleinen Tasche mitnehmen. Als wir weggebracht wurden, kam die syrische Armee und nahm alles mit aus unseren Häusern, was übrig blieb. Die Deportation fand mit alten Reisebussen statt, welche überfüllt waren. Meine Eltern und mein Bruder mit der Familie leben heute noch in Dair Ballout. Unterstützt wird das Lager von der türkischen Organisation AFAT. Ohne die Türkei gäbe es uns heute nicht mehr. Dort gelang mir die Flucht und ich konnte dank Schmugglern die türkische Grenze überqueren. In der Türkei blieb ich neun Monate. Dann bin ich mit dem Boot am 27. 9. 2019 nach Samos gekommen. Leider kann kein Palästinenser mehr in den Libanon. Dies ist uns untersagt. Gerne wäre ich zu meiner Familie zurück gegangen.

Ich habe im Camp in Samos als alter, alleinstehender Mann sehr gelitten. Ich lebte in einem kleinen Zelt und hatte nichts, das meiner Gesundheit förderlich wäre. Ich litt psychisch unter den widrigen Lebensumständen, Hunger und keinem Geld. Meine Familie im Libanon erwartet von mir, dass ich sie finanziell unterstützen könne, doch dies ist bei weitem nicht der Fall. Nun habe ich seit sieben Jahren meine Familie nicht mehr gesehen. Das zerrt an mir. Ich wünsche mir so sehr, dass ich meine Frau und meine Kinder einmal wiedersehen kann und mit ihnen vereint an einem sicheren Ort glücklich leben kann, weit weg vom Krieg. Am liebsten würde ich in Holland wohnen.

Ich bin so dankbar für die Unterstützung durch Space-Eye. Aller herzlichsten Dank, dass ich nun in einem normalen Bett in einem so guten Zimmer schlafen und leben kann.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Rawan: Backen ist ihre Leidenschaft

Rawan: Backen ist ihre Leidenschaft

Von Ursula Wohlgefahrt

Ich besuche Rawan und ihre fünf Kinder. Beim Betreten der Wohnung strömt mir ein herrlicher, süßer Duft entgegen. Aha! Rawan ist wieder am Backen! Backen ist ihre große Leidenschaft. Ich betrete die Küche und sehe, wie sie grade den Teig in verschieden große Formen gießt. „Was gibt’s denn da schönes?“, frage ich gespannt. „Eine Torte für eine Verlobung. Sie soll mehrstöckig und möglichst bunt sein.“ Ja, das Leben geht ja weiter, ob auf der Flucht, oder irgendwo auf der Welt: Es wird geboren, geliebt, verlobt, geheiratet, geschieden und auch gestorben. So ist es eben. Nichts steht still. Rawan überlässt mir und der kleinen Sidra eine Schüssel, die wir zusammen auslecken. Der Teig schmeckt wirklich lecker. Mmmh! „Ich backe Dir jeden Kuchen mit jeder Verzierung, die Du willst, Mama Uschi! Wann hast Du Geburtstag?“ „Ich habe erst im August, aber Neil hat nächsten Samstag“, rutscht es mir raus. „Den Kuchen mache ich! Welchen Geschmack willst Du? Vanille, Schokolade, Nuss?“ Wir haben uns auf Vanille geeinigt und die bestellte kleine Geburtstagstorte reichte für uns zwei plus die ganzen Freiwilligen einer humanitären Organisation auf Samos! Und so was nennt sich kleine Geburtstagstorte im Irak.

Rawan kommt aus dem Irak. Sie wohnte im Stadtteil Khatib in Bagdad mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern. Sie ist aus dem Iran und Schiitin, habe aber gegen den Willen ihrer Familie einen Sunniten geheiratet. Somit war sie zu Hause nicht mehr erwünscht. Im Irak war dies vor dem Sturz von Saddam Hussein noch möglich, und die einzelnen Glaubensrichtungen haben sich nicht bekämpft. Mit dem Krieg änderte sich dann alles, was für sie dramatische Folgen hatte. Sie wurde verhöhnt und wurde plötzlich in der Familie ihres Mannes nicht mehr willkommen geheißen. Zusätzlich zu den Schrecken des Krieges, den sie und ihre Familie täglich durchlebten, mit Morden, Toten und Bombenanschlägen, begann ihr Mann mit häuslicher Gewalt. Er konnte diese Spannung nicht ertragen und sie war nun mal Schiitin und konnte ihrem Glauben nicht abschwören. Die Eltern ihres Mannes und die Familie begannen, auch ihre Kinder zu verstoßen. Rawan hatte plötzlich auch keine Bewegungsfreiheit mehr und war eingesperrt und ständige Angst um ihr Leben und um das Leben ihrer Kinder.

Sie sah keinen anderen Ausweg mehr, als die Flucht nach Europa, um in Ruhe leben zu können.
Die Überfahrt nach Samos in einem kleinen Boot ist für sie, die zuvor noch nie in einem Boot gesessen hatte, bis heute wie ein Alptraum, und sie ist so froh, dass sie es beim ersten Mal geschafft haben.

Seit Dezember bewohnt Rawan die Räumlichkeiten einer ehemaligen Arztpraxis. Sie konnte von einer Organisation Bettgestelle für fünf Euro besorgen, wir haben die Matratzen gespendet. Gegessen wird auf einem Teppich am Boden. Es ist alles spärlich eingerichtet, aber für sie ist es – nach einem Winter im Camp – das Paradies. Sie hat ja wieder eine Küche und wenn ihr das Kindergeschrei zu laut wird, verzieht sie sich in die Küche und backt wieder was Schönes, auch für sich. In einer Dose hat sie immer griffbereit selbstgemachtes Konfekt, für jeden Gast.

Sie dankt Space-Eye ganz herzlich, dass wir die Miete, Stromkosten und einen Beitrag an den Lebensunterhalt übernommen haben.

Was sie denn möchte, wenn sie in Deutschland ist, frage ich sie. Ganz einfach: eine gute Ausbildung für jedes Kind und sie möchte so gerne in einer Bäckerei arbeiten.

Hoffen wir, dass sich ihre Wünsche erfüllen mögen

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Marwa – Wenn die Kunst lebensgefährlich wird!

Marwa – Wenn die Kunst lebensgefährlich wird!

Von Ursula Wohlgefahrt

Die Nähmaschine schnurrt. Marwa flickt und ändert die Kleider der Kinder ihrer Wohnpartnerin. Sie hat mit ihr und ihren fünf Kindern zusammen im November 2020 die zweite Wohnung von Space-Eye bezogen. Im Camp in Samos hatte sie ein Zelt, das bis zu drei Personen aufnehmen konnte. Sie lebte dort alleine, bis Safa mit ihren 5 Kindern von der Campleitung gebeten wurde, den Wohncontainer und das Camp zu verlassen. Die 58-jährige Marwa aus Badgad hatte Safa und ihre Kinder notdürftig bei sich aufgenommen. Wie die Sardinen haben sie gehaust und geschlafen. Als Safa dann von Space- Eye eine Wohnung bekam, war es für sie Ehrensache, Marwa mit in ihre Wohnung zu nehmen.

Beim Handarbeiten und Nähen vergisst Marwa ihr Schicksal für ein paar Minuten. Da ist sie mit voller Konzentration an der Arbeit. Für die Erzählung Ihrer Geschichte unterbricht sie die Näharbeit. Ja, sie wolle mir ihre Lebensgeschichte erzählen:

„Als die Amerikaner kamen und in Bagdad einzogen, haben wir gejubelt. Wir hofften, dass wir bald auch so wie die Menschen im Westen leben und arbeiten könnten. Mein Leben änderte sich dramatisch, als die Milizen meinen Sohn bedrohten. Hassan war Schauspieler am städtischen Theater und hatte, wie ich, Kunst und Theater studiert. Hier schau mal die Fotos von seinen Auftritten, Uschi! Im Gegenzug zu mir, fand er in Bagdad eine Anstellung. Ich habe seinerzeit keine gefunden und habe als Notlösung bei der irakischen Nationalbank als Kassiererin gearbeitet. Nach der Heirat habe ich aufgehört zu arbeiten und meine Mutter erkrankte. Ich habe sie bis zu ihrem Tod gepflegt und erst danach den Irak verlassen. Ein Jahr nach der Heirat ist Hassan geboren, ein Wunschkind. Sein Vater war Soldat im irakischen Geheimdienst. Als Hassan zwei Jahre alt war, habe ich die Nachricht erhalten, dass er im Dienst gestorben sei. Seitdem war ich alleine geblieben mit meinem Sohn und meiner Mutter. Mit Nähen und Handarbeiten habe ich von zu Hause aus uns über Wasser gehalten. Nähen habe ich von der Mutter gelernt, und dies konnte ich auch bei meinem Studium immer wieder unter Beweis stellen zur Anfertigung der verschiedenen Kleider.

Als die Milizen Hassan mit dem Leben bedrohten, falls er nicht seinen Beruf aufgeben würde, sich einen ordentlichen Bart wachsen ließe und orientalische Männerkleider trüge, hat er es in Bagdad nicht mehr ausgehalten und ist mit seiner Familie nach Skandinavien geflohen. Die Milizen haben auch mich bedroht, weil Hassan nun fort war. Ich konnte aber meine betagte und pflegebedürftige Mutter nicht alleine zurücklassen und so bin ich geblieben, bis sie verstarb. Dann floh ich nach Syrien, wo ich vier Jahre blieb und als Managerin in einem Frauenfitnesszentrum tätig war. In Syrien wäre ich geblieben. Es ist ja meine Kultur. Die Bomben der Israelis haben mich dann – wohl oder übel – nochmals zur Flucht gezwungen. So bin ich schlussendlich am 15.8.2019 nach Samos gekommen. Ich erlebte im Camp Tage und Nächte mit Lebensbedingungen, die ich nie erwartet hätte. Die Angst bei der Feuersbrunst steckt mir immer noch in den Knochen. Auch das Miterleben müssen, dass Zeltnachbarn sterben, und niemand will helfen können. Der Mangel an allem, was für uns so normal ist, bedrückt mich noch heute zutiefst.

Mein großer Wunsch ist, nach Skandinavien zu meinem Sohn und seiner Familie zu gelangen. Ich habe ja nur noch ihn und seine Familie. Aber die Hürden dorthin sind hoch, und mein Sohn und die Familie haben bis heute noch keine feste Aufenthaltsbewilligung erhalten. Die jüngste Enkelin habe ich noch gar nicht in die Arme schließen können, nur per Internet kann ich ihr einen Kuss senden.

Ich danke allen Spendern von Space-Eye, die mir nun ein paar menschliche Monate in einer bescheidenen Wohnung gewähren von ganzem Herzen. Ich danke auch Space-Eye für all ihre Anstrengungen für die Flüchtlinge auf Samos herzlichst. Ihr seid wunderbar.“

Ein Strahlen geht über Ihr Gesicht. Dann nimmt sie ihre Näharbeit wieder auf und kürzt noch ein weiteres Hosenbein.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.