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2019 geht’s los: Space-Eye startet die Satelliten-Überwachung +++ It starts in 2019: Space-Eye launches satellite surveillance

Aktuelles von der Seenotrettung

Milads Leben im “Dschungel” von Samos

Milads Leben im “Dschungel” von Samos

Milad ist 18 Jahre alt und erklärt uns auf dem Weg zu Ihrem Lagerplatz einiges über sich und seine Familie. Sie lebten bereits zwei Jahre in dem Lager, als seine gesamte Familie am Corona-Virus erkrankte. Hieraufhin mussten sie auf die Quarantäne-Station, ein abgeschirmter Bereich des Lagers. Sie verbrachten dort 14 Tage. Dies war die schlimmste Zeit für die Familie im Lager. Milad erinnert sich nicht gerne daran zurück. Sein Vater, der herz- und lungenkrank ist, musste ins Krankenhaus verlegt werden. Hier durften sie ihn längere Zeit nicht sehen. Die Covid-Erkrankung war so schwerwiegend, dass Milads Vater aufs Festland in ein Krankenhaus verlegt werden musste. Die Familie erhielt ungefähr zeitgleich Pässe, die zum Aufenthalt in Griechenland und zum Reisen in Europa (als Touristen), berechtigten. Zusammen verließen sie das Camp auf Samos, um bei dem Vater zu sein. Nach der Genesung konnte die Familie keine Bleibe auf dem Festland finden und kehrte, aus der Not heraus, zurück in das alte Lager auf Samos. Inzwischen ist das Lager von rund 8.000 (im Jahr 2020) auf etwa 800 Flüchtlinge geschrumpft. Die Familie zog zurück in den „Dschungel“, dem illegalen, selbst gezimmerten Lagerbereich, in einem Konstrukt aus Pfählen und Planen, gebaut auf Stelzen, um dem Schlamm, der sich im Winter oder der Regenzeit bildet, etwas entkommen zu können. So gut es geht, haben Sie sich den Bereich eingerichtet, mit Teppichen auf dem Boden, und sogar einer Glühbirne in dem Schlafbereich, betrieben von einer Solarzelle, die Milad sich besorgte. Seine Mutter und Schwestern kochen draußen und spülen das Geschirr mit Wasser aus einer Regentonne.

Die Familie ist sehr gastfreundlich. Milads Mutter kocht uns Chai (Tee) und sie laden uns ein, auf Ihrem auf Stelzen stehendem Boden und bereit gestellten Plastikstühlen zu sitzen. Wir unterhalten uns über den bevorstehenden Umzug in die Wohnung. Uschi erklärt die Formalitäten, beispielsweise, dass die Kosten der Wohnung von Space-Eye übernommen werden; dass Decken aus dem Lager nur in gewaschenem Zustand mitgebracht werden dürfen, da sich im Lager Bettwanzen nicht vermeiden lassen, usw.

Beim Chai trinken berichtet uns die afghanische Familie über ihre Vergangenheit.

Milads Vater und auch Milad selbst arbeiteten in Ihrer Heimat am Bau. Nebenbei betrieb Milad einen Barbershop. Auch im Lager hat er einen kleinen „Friseurladen“ betrieben.

Am liebsten würde Milad eine Ausbildung machen, bei der er sowohl handwerklich als auch kognitiv dazulernt. Seine jüngere Schwester (12) besucht die Schule auf Samos und pflegt eine enge Freundschaft zu zwei gleichaltrigen Freundinnen im Flüchtlingscamp. Wir treffen seine Schwester, als wir zum Schluss eine Führung durch das Lager erhalten.  Ihr Bruder informiert sie, dass sie am nächsten Tag in ein Haus in der Stadt umziehen werden. Milads kleine Schwester wirkt nicht zufrieden, im Gegenteil sie wirkt unglücklich. Ihre Sorge ist nicht mehr so nah bei ihren Freundinnen zu wohnen. Sie ist ein Teenager und braucht ihre Freunde, um den Schmerz der Vergangenheit vergessen zu können.

Während Milad uns weiter durch das Lager führt, sehen wir mehrere Moscheen, gezimmert von den Flüchtlingen selbst. Wasser für den täglichen Bedarf muss in Kanistern von wenigen Wasserstellen zu den Zelten getragen werden. Es gibt Dixi-Toiletten und Duschen von UNHCR. Damit der Weg am Abend nicht zu weit ist, bauten NGOs zusätzlich „Toiletten“ aus Lehm, mit Zeltplanen ringsherum, als Sichtschutz. Die Lebensumstände im Lager sind schwer zu ertragen. Am folgenden Tag verabredet Uschi sich mit der Familie zur Wohnungsübergabe.

Als wir die Familie zwei Tage später aufsuchen, berichten sie von Kakerlaken, von denen sie in der Nacht gebissen wurden. Daraufhin räumte die Familie alles aus der Wohnung und putzte nochmal gründlich. Uschi kam mit Firas (Uschis vielseitig talentierter Dolmetscher) und Insektengift herbeigeeilt, um die Wohnung von dem Ungeziefer zu befreien. Jetzt können sie sorglos in der Wohnung leben.

Die Familie ist Uschi sehr dankbar für ihren prompten Einsatz und ganz besonders für die schöne Wohnung mit Terrasse.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ in Griechenland ein Housing-Projekt, das schon hunderten Menschen Unterkunft geboten hat.

Makeda und Nardos: Hoffnung auf Leben anstatt überleben

Makeda und Nardos: Hoffnung auf Leben anstatt überleben

Es ist ein schöner Tag, ein ruhige Brise zieht durch das Hafenstädtchen, und die Menschen sehen frisch und entspannt aus. Ich sitze im Café und warte auf Makeda und Nardos, zwei Frauen aus Eritrea, um mit ihnen über ihre Geschichte zu sprechen.

Als die beiden heute im Café ankommen, freuen sie sich sichtlich – wir konnten über das Athen-Projekt von Space-Eye eine Bleibe für Nardos finden, sodass die beiden zusammen bleiben können und die Fähre nach Athen gemeinsam nehmen. Ein Lichtblick.

Wir trinken einen Kaffee und erzählen.

Nardos ist die ältere der beiden Frauen. Sie kann sich mit niemandem verständigen, wenn Makeda nicht für sie übersetzt, denn sie spricht eine eritreische Sprache. Ich erfahre, dass Nardos an Epilepsie leidet, sie ist berufsunfähig und seelisch gebrechlich und alleine. Sie bricht in Tränen aus, Tränen blanker Angst. Beide wischen die Tränen schnell weg, als sei Weinen nicht erlaubt und nur ein Ausdruck von Schwäche. Schwäche kann sich hier keiner leisten. Doch Nardos kann ihren Zustand nicht verbergen, ihre Gesichtszüge erscheinen mir, als ob sie das Lachen verlernt habe und Leere ihr Wesen beherrscht.

Die beiden Frauen sind hier eine Symbiose eingegangen, sie helfen sich gegenseitig beim Überleben. Doch Nardos braucht Makeda mehr, als anders herum – das wurde mir dort klar.

Makedas Eltern kommen aus Eritrea, doch sie sind aufgrund des Krieges nach Äthiopien geflohen, dort ist Makeda geboren. Sie war das einzige Kind. Ihr Vater ist vor ihrer Geburt gefallen, und ihre Mutter starb als sie 16 war nach einer schlimmen Krankheit. Das Kind blieb mutterseelenallein zurück auf der Welt. Als Flüchtlingskind hatte sie nie einen Pass in Äthiopien bekommen, noch durfte sie zur Schule gehen, sie war Staaten- und mittellos. Damit Makeda nicht auf der Straße landen würde, holte sie ihre Tante zurück nach Eritrea, wo sie schlussendlich an einen alten Mann verheiratet werden sollte. Doch das war nicht ihr Leben! Die Wut ist ihr noch heute anzusehen.

Sie entschied sich abzuhauen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. So floh sie über den Sudan in den Libanon, wo sie als Hausmädchen für reiche Libanesen arbeiten sollte. Doch als sich die Bedingungen wie Sklaverei herausstellten und Makeda nie einen Lohn für ihre Arbeit bekam, entschied sie sich auszubrechen. Durch Taglöhnerarbeit konnte sie sich über ein paar Jahre das nötige ansparen, um die Flucht nach Europa zu organisieren.

Makeda ist eine starke junge Frau, ihre Lebensgeschichte hat sie gelehrt, resolut und in Selbstvertrauen Entscheidungen für ihre Zukunft zu treffen. Es war ihr klar, in den arabischen Staaten sollte sie als schwarze Frau nie Chancen auf ein gleichberechtigtes Leben haben.

Die Fluchtroute verlief über Syrien, die Türkei und schließlich im Boot nach Samos. Sie erzählt mir schwer schluckend, sie hätte die ganze Überfahrt geweint, und bis heute verabscheut sie das Meer.

Im überfüllten Camp in Samos lebte sie nun unter widrigen Umständen im Wald und in ständiger Angst, man(n) würde ihr als Frau alleine etwas antun. Verständlich. Dann erhellt sich ihr Gesicht und sie erzählt mir, wie sie Mama Uschi kennenlernte, die ihr als einzige hier wirklich half und sie in das Space-Eye-Programm aufnahm. In der Frauen-WG mit Nardos konnte sie jetzt ein paar ruhige Wochen verbringen, gesundes Essen kochen, duschen und die nächsten Schritte organisieren.

Abschließend erzählt mir Makeda, ihr großer Traum sei London. Dort werde sie einen guten, netten Mann kennenlernen, heiraten und vier gesunde Kinder bekommen – und glücklich sein. Makeda schmunzelt, das wäre wirklich schön. Das soll ihr Leben sein.

Ob Nardos eines Tages vom Überleben zum Leben kommen wird, bleibt ungewiss. Ihr Wunsch ist es irgendwo zu landen, wo eine gute medizinische Versorgung gegeben ist.

Wir wünschen den Beiden das Beste!

Ich bin nach Samos geschwommen

Ich bin nach Samos geschwommen

13 Mal hat er es versucht, mit einem Boot von der Türkei auf eine Aegäis-Insel zu kommen. 13 Mal wurde das Boot, in dem er saß, von einer Küstenwache abgefangen, oder sie mussten aus widrigen Umständen wieder umkehren. Dann hatte der 19-jährige Palästinenser Hema aus der Stadt El Nuserat (Gaza) einfach genug. Seine Familie konnte kein Geld mehr für ihn beschaffen und er stand vor der Frage: Zurück in den Gaza? Geht nicht mehr! In der Türkei bleiben: will er nicht. Er möchte nach Europa, um seinen Traum vom professionellen Fußballspieler zu verwirklichen. Also was dann? Schwimmen! Ja, das ist wohl noch die letzte Lösung. Als gut durchtrainierter Sportstudent wagte er es, zusammen mit seinem Freund Ahmed.

Sie reisten von Izmir nach Kusadasi.  Von dort machten sich Hema und Ahmed zu Fuß auf, der Küste entlang gegen Süden bis nach Güzelçamli, wo sie eine Rast einlegten.  Am Abend des 22. Juli 2021, bei der Dämmerung, gingen sie ein letztes Stück zu Fuß bis kurz vor den Eingang des Nationalparks. Nach einer letzten Rast am Ufer des Meeres zogen sie die Kleider und die Schuhe aus, verstauten ein paar Kleider, Papiere und das restliche Geld und ein Telefon in einem Plastiksack und klebten den Plastiksack auf den Leib, sodass er sie beim Schwimmen möglichst nicht störte. Sie versteckten ihre Rucksäcke und Schuhe im Gebüsch, sprachen ein letztes Mal die Al Fathia, umarmten sich und schwammen los in Richtung Samos.

Ahmed ist ebenfalls ein gut durchtrainierter Sportler, anders hätten sie es sonst nicht wagen können. Doch diese Stecke ist mehr als nur mutig. Sie ist eine Meisterleistung. Ein feiner Wind kam von Norden. Sie mussten gegen Südwesten schwimmen. Das Schwimmen raubte ihnen alle Kraft. Nach Mitternacht dachten sie, dass ihr Unterfangen scheitern werde und sie versuchten, auf sich aufmerksam zu machen und die vorbeifahrenden Boote der Küstenwache zu stoppen. Aber ohne Erfolg. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, ertrinken oder weiter schwimmen. Sie schwammen. Mehr als einmal dachten sie, es sei nun ihr letzter Schwimmzug gewesen, mehr gehe einfach nicht mehr. In der Morgendämmerung erreichten sie die Felsen der Bucht von Sidera. Total erschöpft. Die Strömung hatte sie mehr nach Südwesten getragen, als sie planten. Nun mussten sie entweder gegen die Strömung in die Bucht schwimmen, oder über die Felsen etwa 20 Meter rauf klettern. Sie entschieden sich fürs Klettern, um endlich aus dem Wasser zu kommen. Oben angelangt suchten sie sich ein Plätzchen unter einem Baum aus und schliefen völlig erschöpft zwei Stunden. Gegen sechs Uhr machten sie sich auf den Weg, 14 km der geteerten Straße entlang. Müde, ohne Essen und Trinken, ohne die Möglichkeit, etwas Wasser an einem Brunnen unterwegs zu finden, schleppten sie sich viereinhalb Stunden mühsam bis zum alten Camp. Völlig entkräftet kamen sie an.

Die Anerkennung als Flüchtlinge haben Hema und Ahmed dann sehr schnell erhalten. Bereits nach einer Woche wurden sie zum ersten Interview eingeladen, und Mitte Oktober konnte Hema den Pass abholen. Palästinenser werden in Griechenland mit Vorzug behandelt. Andere Nationen müssen da länger warten.

Hema lebte bis zur Auflösung des alten Camps im Dschungel, dann durfte er in die Männer-WG einziehen und half unserem Abdo bei Reinigungs- und Unterhaltsarbeiten. Er war sehr dankbar für jede Hilfe.

Nun wollte er zu seinem Vater nach Deutschland gehen. Dieser war zuvor alleine geflüchtet. Er ist in Deutschland seit zwei Jahren, wo er bei der Bahn als Sicherheitsbeamter in Teilzeit arbeitet. Er war bis 2006 bei der Polizei tätig, bis die Hamas den Gaza übernahm und alle Leute der Al Fathy-Partei verloren die Arbeit. Von da an lebte die 10-köpfige Familie von Hema von Spenden des UNHCR.  Der Vater wollte an dieser Situation etwas ändern. Der Sohn ist ihm nun gefolgt.

Am 22. Oktober erhielt ich eine Videobotschaft aus Deutschland: Vater und Sohn vereint. „Tausend Dank an Space-Eye liebe Mama! Nun bin ich bei meinem Vater in Deutschland!“

Ich werde an dieser Lebensgeschichte dran bleiben und bin gespannt, ob es Hema gelingt, im Profifußball Karriere zu machen. Vielleicht hören wir mal von einem Sportreporter: “Tor, Tor! … Hema schießt in der 89. Minute das Siegestor für Deutschland!” Den Willen dazu hat er. Das hat er uns bewiesen.

 

 

 

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos, Lesbos und in Athen Housing-Projekte, die schon hunderten Menschen Unterkunft geboten haben.