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Von Uschi Wohlgefahrt

Es da╠łmmerte schon und der Wind pfiff um die Ecken, als ich letzten November mit einer Begleiterin nach der Suche nach Wohnungen fu╠łr anerkannte Flu╠łchtlinge fu╠łr Space-Eye u╠łber den Pytagoras-Square in Samos Stadt ging. Ein leichter Regen fiel. Auf der Bank vor dem Lo╠łwendenkmal sa├č eine junge Frau alleine mit einem Wa╠łschebu╠łndel auf den Armen. Ich wunderte mich und schaute noch einmal hin. Ihre traurigen Augen haben mich sofort angezogen und ich konnte nicht anders, als auf sie zuzugehen und sie anzusprechen. Was sie denn da so alleine bei diesem Wetter mache? Ihr sei einfach die Decke auf den Kopf gefallen und sie habe rausm├╝ssen. Sie lebe in einem Container im Camp in einem winzigen Zimmer mit einer Frau und ihren fu╠łnf Kindern. Die Frau helfe ihr jedoch viel mit ihrem Baby und sie sei ihr dafu╠łr dankbar. Wo denn ihr Baby sei, habe ich ganz erstaunt gefragt. Sie schlug die Decke auf und zum Vorschein kam ein acht Wochen altes Bu╠łblein, schokoladenbraun mit gekrausten schwarzen Haaren und schaute mich mit einem kleinen La╠łcheln mit seinen gro├čen dunklen Augen an. Oh mein Gott! Jetzt wurde ich aber sehr neugierig, wer ich denn da vor mir habe. Sie sei Aalam aus Eritrea. Ihr Partner ha╠łtte sie verlassen und nun sei sie mit dem kleinen Gibril alleine. Ich habe mich auch vorgestellt und wir tauschten die Telefonnummern aus. Sie habe das Asylgesuch noch nicht genehmigt bekommen und sie wisse nun noch gar nicht, wie es mit ihr weiter gehe und wohin sie nun mit dem kleinen Gibril alleine hingegen solle.

Mit Aalam blieb ich in Kontakt u╠łber WhatsApp und habe sie unterstu╠łtzt, wo ich konnte. Anfang Ma╠łrz erhielt ich dann einen aufgeregten Anruf von Aalam: ÔÇ×Mama, letzte Woche habe ich meinen Asylentscheid erhalten und nun will die Campleitung, dass ich bis Ende Woche den Container verlasse. Wohin soll ich denn nun gehen?ÔÇť Eine ledige, muslimische Mutter mit einem Baby konnte ich unmo╠łglich alleine in einem Zelt an Rande des Camps lassen. Wer wei├č, was da die streng gla╠łubigen Nachbarn mit ihr gemacht ha╠łtten? Im Camp in Samos hatte sie das erste Mal in ihrem Leben Zuneigung zu einem Mann. Es war ein Kongolese. Sie hatte ihn wirklich geliebt und gedacht, er sei der Mann fu╠łrs Leben. Dann ist sie schwanger geworden. Ihr Freund war gar nicht erfreut, hat sie beschimpft und ist mit einer anderen Frau nach Athen weitergezogen. Vom kleinen Gibril will er nichts wissen. Es ist das schlimmste, was einer Muslimin passieren kann, schwanger zu werden und mit einem Kind dann alleine dazustehen. In ein muslimisches Land kann sie auf gar keine Umsta╠łnde mehr gehen. Wer wu╠łrde sie schon aufnehmen und was wu╠łrde aus dem kleinen Gibril?

Aalam lebt nun heute mit ihrem kleinen Gibril in einem kleinen Anbau eines Hauses in der Stadt Samos, in einer Studiowohnung mit Ku╠łche und Bad. Vor ihrer Haustu╠łre hat es einen kleinen Vorgarten, und sollte sie in einem Jahr immer noch da sein, so ko╠łnnte dort der kleine Gibril gefahrlos spielen. Nun wartet Aalam auf ihren “Fingerprint” und mo╠łchte, wenn sie den Pass erha╠łlt, nach Deutschland oder in die Benelux-Staaten reisen.

Geboren ist Aalam in Eritrea. Ihre Mutter und ihr Vater sind zum Milita╠łr eingezogen worden. Wa╠łhrend dieser Zeit lebte Aalam bei der Gro├čmutter. Als sie drei Jahre alt war, ist der Vater im Dienst gestorben. Die Mutter wollte daraufhin keinen Milita╠łrdienst mehr machen und ist mit ihr nach A╠łthiopien geflohen, wo sie als Lehrerin ta╠łtig war. Aalam durfte aber als Ausla╠łnderkind die Schule nicht besuchen. Die Mutter hat sie zu Hause unterrichtet. Als sie 16 Jahre alt war, ist die Mutter an Brustkrebs gestorben. Die Gro├čmutter organisierte, dass ein naher Verwandter sie in den Sudan holte, wo sie bei wohlhabenden Leuten als Kinderma╠łdchen arbeitete und Hausarbeiten erledigte. Dort lernte sie zusa╠łtzlich zu ihrer Muttersprache Tigrinia und dem in A╠łthiopien gesprochenen Amarinia noch Arabisch. Aamal wollte mehr vom Leben, als nur als Hausma╠łdchen zu arbeiten. Sie wollte einen Abschluss machen und was im Leben erreichen. So ist sie u╠łber Dubai nach Beirut gereist.

Auch in Beirut hat sie in einem gro├čen Haushalt als Hausangestellte gedient, um sich finanziell durchzuschlagen. Beirut wa╠łre eine Option fu╠łr sie gewesen, doch als Hausangestellte wollte sie nicht ewig ta╠łtig sein. Als sie genug Geld zusammengespart hatte, bezahlte sie die Reisekosten der Schlepper von 3.000 Dollar, um von Beirut nach Izmir zu gelangen. In 20 Tagen ist sie mit einer Gruppe Flu╠łchtlinge hunderte von Kilometer zu Fu├č gegangen. Sie wurden immer wieder angetrieben und kamen total erscho╠łpft in Izmir an. Flu╠łchtlinge, die nicht mehr konnten, wurden angebru╠łllt und geschlagen. Es gab ungenu╠łgend zu essen und kurze Schlafpausen in Sta╠łllen. In Izmir war sie mittellos und hat wieder als Hausangestellte gearbeitet, bis sie das Geld fu╠łr die U╠łberfahrt nach Samos zusammen hatte. Zweimal wurde ihr Boot von der Ku╠łstenwache geschnappt und zweimal ist sie sechs Wochen im Gefa╠łngnis von Izmir gelandet. In einem gro├čen Raum wurden alle Gefangenen eingesperrt, Frauen, Ma╠łnner und Kinder. Es gab ein WC und eine Dusche mit hei├čem Wasser. Niemand konnte sich dort duschen. Die ganze Zeit konnte sie ihre Kleider nicht wechseln. Das Essen war miserabel. Sie schloss sich als junge Frau alleine ihren Landsleuten, den Eritreern, an. Beim dritten Versuch hat es dann mit der U╠łberfahrt nach Samos geklappt.

Aalam fu╠łhrt ihren Haushalt sehr ordentlich und sauber. Sie ist mir eine gute Stu╠łtze bei U╠łbersetzungen vom Arabischen ins Englische. Da bin ich froh, dass ich auf sie zuru╠łckgreifen kann. Ich bin sicher, dass sie mit ihrer stillen, aber offenen Art und ihrem Wissen und Wissensdurst eine Zukunft im Herzen Europas hat. Aber auch ich kann ihr als gestandene Mutter Wissen vermitteln mit einem zahnenden kleinen Jungen, damit sie wieder mal zum Schlafen kommt.

ÔÇ×UschiÔÇť

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und k├╝mmert sich ÔÇ×hauptamtlichÔÇť um gestrandete Fl├╝chtlinge ÔÇô Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. F├╝r┬áSpace-Eye┬ábetreibt ÔÇ×UschiÔÇť auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.