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Judith – Das Leben ist nicht einfach

Judith – Das Leben ist nicht einfach

Von Eva Höschl

Marie-Thérèse, Khalief, Paul und ich besuchen Judith und ihre vier Kinder Winner, Benni, Gloria und Grace in ihrer kleinen Wohnung in Athen. Judith hat sich dazu bereit erklärt, mir ihre Geschichte zu erzählen. Währenddessen werden Paul und Khalief die gesamte Wohnung streichen, sie hat es dringend nötig. Um uns herum wuseln die Kinder, Khalief und Paul sind bereits in der Arbeit vertieft. Judith beginnt zu erzählen.

Judith wurde in einem kleinen Dorf in der Provinz Bangala, in der Demokratischen Republik Kongo, geboren. Mit fünf Jahren zog ihre Familie in die Hauptstadt Kinshasa. Ihre Mutter war die zweite Frau ihres Vaters, der insgesamt mit drei Frauen verheiratet war. Ihre Kindheit war sehr schwierig: ihre Mutter verließ die Familie und ging nach Angola. Kurz darauf starb ihr Vater, Judith war damals zehn Jahre alt. Die dritte Frau ihres Vaters nannte sie eine Hexe: deshalb sei ihr Vater gestorben und ihre Mutter weggezogen. Wenn man in Afrika als Hexe bezeichnet wird, wird man von allen gemieden. Judith wurde fortgeschickt. Sie beschloss, zu ihrer Großmutter zu gehen. Dort wurde sie wie eine Dienstmagd behandelt. Ihr Essen musste sie sich mit Arbeit verdienen. Manchmal durfte sie im Haus schlafen, oft jedoch musste Judith sich draußen einen Schlafplatz suchen.

Eines Nachts, Judith war dreizehn Jahre alt, übernachtete sie in einem Schulgebäude, das nicht verschlossen war. Während sie schlief, kamen zwei Kerle in das Gebäude und vergewaltigten sie. Ab diesem Zeitpunkt lebte sie auf der Straße – denn sie wusste, dass sie von ihrer Großmutter keine Hilfe erwarten konnte. Was sie nicht wusste: dass sie durch die Vergewaltigung schwanger wurde – mit 13 Jahren fehlte ihr dafür das Verständnis. Auf der Straße fand sie Anschluss an eine Gruppe Mädchen und junger Frauen. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt durch Prostitution. Um Essen und einen Schlafplatz zu bekommen, musste Judith sich ebenfalls prostituieren. Sie merkte, dass ihr Bauch größer wurde, dachte sich jedoch nichts dabei. Sie brachte ihren Sohn im Kreis der jungen Frauen zur Welt. Eine Woche später musste sie wieder als Prostituierte arbeiten. Deshalb gab sie ihr Baby zur Familie ihrer Großmutter.

Judith war als junges Mädchen sehr hübsch. Eine Organisation, die Modeschauen veranstaltete, wurde auf sie aufmerksam. So arbeitete Judith nebenbei immer wieder als Model. Bei einer Modeschau sah sie ein Mann, der Judith bereits von früher kannte. Er verliebte sich in Judith, suchte ihre Großmutter auf und bat um ihre Hand. Judiths Mutter und ihre Tante hatten den Kontakt zu Judith abgebrochen, als sie erfuhren, dass sie als Prostituierte arbeitet. So wusste ihre Mutter auch nichts von ihrem Sohn Chris (Chris ist mittlerweile zwanzig Jahre alt, hat studiert und sein Diplom erhalten und lebt bei seinen Freunden.)

Judith und Henry* (*Name geändert) heirateten und bekamen zwei Kinder. Henry kannte Judiths Geschichte und akzeptierte alles. Er holte Chris von der Großmutter zurück und Judith konnte zurück zur Schule gehen. Sie bekam ein Auto von ihrem Mann und die Familie hatte genug Geld für ihren Lebensunterhalt. Der Beginn ihrer Ehe war die glücklichste Zeit in Judiths bisherigem Leben. Als ihre Mutter in Angola erfuhr, dass Judith geheiratet hatte, ihr Mann „eine gute Partie ist“ und etwas Geld hat, nahm sie wieder Kontakt zu ihr auf. Judith war glücklich darüber, in dieser Zeit ihre Familie finanziell unterstützen zu können: die Brüder und Schwestern der anderen Ehefrauen ihres Vaters, die Cousins und Cousinen, ihre Mutter. Doch dann wurde ihr Mann sehr reich. Das veränderte ihn. Er sprach nicht mehr mit Judiths Freunden und auch sie selbst hatte plötzlich nicht mehr das Recht, in ihrem gemeinsamen Haus zu sprechen. Durch das Geld wurde Henry zum begehrten Mann. Er brachte andere Frauen mit nach Hause und schlief mit ihnen. Diese veränderte Situation war schwierig für Judith. Sie suchte eine Möglichkeit, so oft wie möglich außer Haus sein zu können. Sie eröffnete eine kleine Boutique und arbeitete viel. Dann heiratete ihr Mann eine andere Frau. Diese zog ebenfalls in das Haus ein. In Afrika haben Frauen keine Rechte und Männer dürfen alles tun, was sie möchten. Frauen sind von ihren Männern abhängig, sie selbst haben nichts. Das einzige Recht der Frau ist, alles zu unterstützen, was der Mann möchte. Judith versuchte, mit ihrem Mann über die Situation zu sprechen, keine Chance.

Eines Tages erhielt Judith einen Anruf aus Angola, dass ihre Mutter krank ist. Was war passiert? Es war im Dorf ihrer Mutter bekannt, dass Judith mit einem Mann verheiratet ist, der Geld hat. Die anderen Dorfbewohner waren neidisch darauf, dass die Familie von Judith finanziell unterstützt wird. Deshalb haben Dorfbewohner die Beine ihrer Mutter mit Säure verätzt. (Judith zeigt uns ein Video von ihrer schwer verletzten Mutter – man sieht die verätzten Beine.)

Ihre Familie bat Judith um Geld, um ihre Mutter im Krankenhaus behandeln lassen zu können. Doch sie selbst hatte nicht genug Geld und ihr Mann unterstützte sie nicht mehr. So verkaufte Judith einen Teil ihres Goldschmucks und schickte Geld nach Angola, um ihrer Mutter eine Klinikbehandlung zu ermöglichen. Doch das Geld kam nicht rechtzeitig an. Ihre Mutter starb auf dem Boden vor dem Krankenhaus. Die Zwillingsschwester ihrer Mutter lebte zu diesem Zeitpunkt in Paris. Sie hatte damals weder zu ihrer Mutter noch zu Judith selbst Kontakt. Von Freunden erfuhr sie vom Tod der Mutter. Sie nahm Kontakt zu Judith auf – Judith war sehr froh darüber. Ihre Tante beteiligte sich an den Beerdigungskosten.

Nach dem Tod ihrer Mutter sagte ihr Ehemann, sie sei tatsächlich eine Hexe. Zuerst habe sie ihren Vater getötet und jetzt auch noch ihre Mutter. Die Situation im Haus wurde unerträglich. Es gab ein Dienstmädchen im Haus. Das Dienstmädchen wurde entlassen und ihr Ehemann und seine zweite Frau entschieden, dass Judith nun ihre Arbeit zu übernehmen hatte. Judith wurde zum Dienstmädchen in ihrem eigenen Haus.

Sie entschied, ihren Mann zu verlassen, wusste jedoch nicht, wohin. Im Juni 2015, Benni war noch ein Baby, ging ihr Mann zur Arbeit. Seine zweite Frau ging ebenfalls außer Haus. Beide kamen nicht zurück. Drei Tage später kamen Männer zu ihr. Sie sagten, sie würden Henry suchen. Judith sagte, sie wüsste nicht, wo er sei. Er sei vor drei Tagen mit seiner anderen Ehefrau gegangen und bisher nicht zurückgekommen. Die Männer gingen, doch nach ein paar Tagen kamen sie zurück. In Afrika kommen Männer mit Macheten und können Dir Deine Füße abhacken, Deine Hände oder sogar Deinen Kopf. Sie können Deine Kinder rauben. Die Männer kamen also zurück. Sie sagten ihr, Henry habe viel Geld genommen. Wieder fragten sie, wo ihr Mann sei. Sie waren sehr aggressiv. Die Männer dachten, Judith wisse, wo ihr Ehemann sei, und würde es ihnen nicht verraten.

Sie kamen ein drittes Mal, in der Nacht. Es waren drei Männer, sie kamen, als sie schlief. Sie hämmerten an die Tür und riefen: „Öffne die Tür! Öffne die Tür!“ Sie schlugen die Glasscheibe der Tür ein, öffneten sie von innen und kamen ins Haus. Ihre beiden Kinder waren zu diesem Zeitpunkt im Haus, zudem die Kinder der anderen Frauen ihres Mannes. Die drei Männer tropften Säure auf Judiths rechten Unterarm. Immer wieder sagten sie, Judith solle sagen, wo ihr Mann sei. Erneut tropften sie Säure auf ihren Arm und schrien: „Rede!“, tropften Säure, schrien… (Judith zeigt uns die Narben auf ihrem Arm.) Judith erinnert sich noch sehr gut an das zischende Geräusch. Dann wurde sie von den drei Männern vergewaltigt, ein zweites Mal in ihrem Leben. Um Vier Uhr, Fünf Uhr in der Nacht sagten sie, sie werden nun ihren Mann selbst suchen. Wenn sie ihn nicht finden, kommen sie zurück und ermorden sie.

In diesem Moment beschloss Judith, das Land zu verlassen. Sie nahm Kontakt mit den Frauen auf, die sie damals als 13jährige aufgenommen hatten. Die Frauen wohnten mittlerweile in anderen Ländern, in Belgien, in Frankreich. Judith erzählte ihnen, was passiert war. Eine Freundin aus Belgien sagte ihr, sie solle ihre Kinder nehmen und in ihrem Haus in Kinshasa Schutz suchen. Das tat Judith. Nachdem sie mit ihren Kindern umgezogen war, verkaufte sie alles aus ihrem Laden und ihren gesamten Goldschmuck. Ihre Freundin gab ihr den Kontakt einer anderen Freundin in Marokko. Von ihr bekam Judith Tickets. Im Dezember 2015 floh sie mit ihren Kindern in die Türkei. Dort blieb sie ein paar Monate. Von ihrer Tante in Belgien bekam Judith Geld, um mit den Kindern weiter nach Griechenland fliehen zu können.

Im März 2016 kam Judith mit ihren Kindern in Griechenland an: auf Lesbos im Camp Moria. Bis Dezember 2016 lebten Judith, Winner und Benni im Camp. Von dort aus kam Judith mit den Kindern nach Athen. Es war nicht einfach dort. Sie schloss sich einer Gruppe Afrikaner an, die in einem Haus lebten. Doch Judith hatte Probleme, die Miete zu bezahlen – sie hatte kein Geld. Sie freundete sich mit dem Besitzer des Hauses an und begann, mit ihm auszugehen. Die beiden wurden ein Paar und Judith musste keine Miete mehr bezahlen. Sie wurde erneut schwanger. Zur gleichen Zeit zog eine andere Frau im Haus ein und ihr Freund ging auch mit dieser Frau aus. Judith merkte, dass er mit allen Frauen ausging, die in seinem Haus wohnten. Sie sprach mit ihm und erzählte, dass sie schwanger sei. Er meinte, Judith sei älter als die anderen Frauen, er wisse nicht, warum er noch mit ihr ausgehe. Es gäbe keine gemeinsame Zukunft für sie. In ihrer Not wandte sich Judith an einen langjährigen Freund, den sie noch aus ihrer Heimat kannte. Es ist ein guter Freund, der einzige wahre Freund.

Dieser Freund erzählte Judith von Hilfsorganisationen in Athen, die sie unterstützen können und stellte den Kontakt her. So bekam Judith die kleine Wohnung, in der sie nun mit ihren Kindern lebt: mit Winner (10), Benni (6) und den Zwillingen Gloria und Grace (2). Inzwischen hat sich Space-Eye für Judith und ihre Kinder eingesetzt. Space-Eye bezahlt die Miete, Strom und Heizung. Zudem erhält die Familie eine kleine monatliche Unterstützung für ihren Lebensunterhalt.

Alles, was Judith in ihrem Leben erlebt hat, seit ihrer Kindheit bis heute, gibt ihr die Kraft, für ihre Kinder so gut als möglich zu sorgen. Sie möchte keinesfalls, dass ihre Kinder das Leben haben, das sie selbst hatte. Ihnen soll es gut gehen. Judith wünscht sich für ihre Kinder eine gute Schule und eine gute Ausbildung, eine gute Kultur. Das ist ihr das Allerwichtigste. Wenn sie sich frei entscheiden dürfte, in einem Land zu leben, wäre es Belgien oder Deutschland.

Die Unterstützung, die Judith durch Space-Eye erfährt, die Wohnung, die finanzielle Unterstützung für ihren Lebensunterhalt, die Hilfe durch Marie-Thérèse, ist für Judith gleichbedeutend mit dem Beginn des Friedens in ihrem Leben. Vorher hatte sie immer die Sorge, wie sie Essen für ihre Kinder bekommt.

Judith hat sich geschworen, nie mehr mit einem Mann auszugehen. Auch wenn sie nur einen Euro bräuchte, und ein Mann würde ihr diesen Euro geben und dafür etwas von ihr erwarten, sie würde ablehnen. Hätte sie kein Geld, würde Judith das ihren Kindern erklären und sie würden es verstehen. Die Zwillinge würden es noch nicht verstehen, doch sie habe immer Spaghetti zuhause. Sie würde einfach Spaghetti machen, damit die Kinder etwas zu essen haben.

Elias – der freundliche Bäcker aus Syrien

Elias – der freundliche Bäcker aus Syrien

Von Eva Höschl

Elias sitzt zusammen mit Marie-Thérèse und mir in seiner zukünftigen Bäckerei nahe der Armenisch-Katholischen Kirche im Athener Stadtteil Neos Kosmos. Marie-Thérèse übernimmt freundlicherweise wieder die Übersetzung – welch ein Glück, dass sie fünf Sprachen spricht, unter anderem auch arabisch.

Elias ist 22 Jahre alt und ein freundlicher, zurückhaltender junger Mann. Er wuchs mit seiner Familie in Syrien auf, in der Stadt Suqaylibīyah, die sich in der Region Hama befindet. Gerne erinnert er sich an seine schöne Kindheit zurück; es fehlte ihm an nichts und seine Eltern kümmerten sich gut um ihn und seine Geschwister George und Lucie. Als kleiner Junge spielte er am liebsten zusammen mit seinen Freunden Murmeln, später dann Fußball.

Im September 2019 beschloss Elias, aus Syrien zu fliehen. Wäre er in seiner Heimat geblieben, wäre er zum Militärdienst eingezogen worden. In Syrien ist nie klar, wie lange der Militärdienst dauert – es können fünf, sechs, sieben oder auch zehn Jahre sein, erzählt er. Die politische Situation im Land war und ist sehr schwierig, und bei Militäreinsätzen werden Christen wie Elias an die Front geschickt, sozusagen als „Kanonenfutter“ in die ersten Reihen. Gemeinsam mit einem anderen jungen Mann aus dem Dorf floh er im gleichen Monat. Seine Fluchtroute führte ihn zuerst nach Arbil im Iran, weiter nach Bodrum in der Türkei, auf die griechische Insel Kos und schließlich als Bootsflüchtling nach Athen. Dort kam er am 16. Oktober 2019 an.

Zusammen mit fünf anderen Geflüchteten wohnte Elias in einem von den Schmugglern organisierten Apartment. Es gab wenig Platz für die sechs Männer: gegessen wurde in Etappen, da es nur einen kleinen Tisch für drei Personen gab und jeder Geflüchtete erhielt nur einmal am Tag eine Fertigsuppe zum Essen.

Mit seinen Eltern war Elias die ganze Zeit über in Kontakt, von den schwierigen Bedingungen jedoch erfuhren sie nichts. Um sie nicht zu beunruhigen, schickte Elias Bilder von gefüllten Tellern, die er an anderen Orten fotografierte. Mit dem Geld, das die Schmuggler von Elias für seinen Lebensunterhalt erhalten hatten, setzten sie sich nach Holland ab. Nun war er also ohne Geld in einer fremden Stadt, in einem fremden Land, dessen Sprache er noch nicht mächtig war. Von Bekannten aus seiner Heimat hörte er vom Hilfsangebot der Armenisch-Katholischen Kirche in Athen. So machte er sich auf den Weg zu Monsignore Joseph und fragte, ob er einen Platz zum Schlafen für ihn habe. Monsignore Joseph, der sich in Athen intensiv um Geflüchtete kümmert, nahm Elias auf. Vom ersten Moment an fühlte sich Elias wohl dort. Endlich bekam er genug zu essen und hatte ein sicheres Dach über dem Kopf. Dankbar bot er Monsignore Joseph seine Hilfe an. Elias packte mit an, wo auch immer es etwas zu tun gab. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und schätzten sich gegenseitig. So kam es, dass Monsignore Joseph Elias nach einiger Zeit fragte, ob er sich nicht vorstellen könne, auf Dauer hier in Athen zu leben. Elias, der ursprünglich weiter nach Norwegen wollte, überlegte nicht lange. Er entschloss sich zu bleiben, hatte er doch hier so etwas wie eine zweite Heimat gefunden.

Brot backen war schon immer eine große Leidenschaft von Elias, insbesondere das Brot seiner Heimat. So konnte er sich vorstellen, in Athen eine Ausbildung zum Bäcker zu absolvieren. Doch eine Ausbildung kostet Geld. Deshalb nahmen Uschi und Monsignore Joseph Kontakt zu Space-Eye auf und baten um finanzielle Unterstützung. Space-Eye sagte zu und Elias konnte die sechsmonatige Ausbildung beginnen. Wie glücklich war er darüber! Inzwischen hat er seine Ausbildung zum Bäcker nahezu abgeschlossen und backt köstlich duftendes, leckeres Brot – wir durften davon kosten und waren begeistert!

Ich frage Elias nach seinen Wünschen für die Zukunft: Er wünscht sich, dass seine Eltern und seine Geschwister zu ihm nach Athen kommen können. Dann wäre die Familie wieder vereint und alle in Sicherheit.  Und noch einen Wunsch hat er: Seine zukünftige Bäckerei – die Papiere lassen noch auf sich warten – soll so gut laufen, dass er damit genügend Geld für seinen Lebensunterhalt verdienen und wieder für sich selbst sorgen kann. Mögen seine Wünsche in Erfüllung gehen, wir drücken ihm von ganzem Herzen die Daumen!

Space-Eye Health Network: Gekommen, um zu helfen!

Space-Eye Health Network: Gekommen, um zu helfen!

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Bilder für die Nothilfe Ukraine

Bilder für die Nothilfe Ukraine

Liebe Unterstützer:innen von Space-Eye,

meine Frau Susanne und ich leben seit über 20 Jahren im Raum Regensburg und sind beide im Ruhestand. Seit längerer Zeit unterstützen wir Space-Eye, früher auch Sea-Eye.

Zur Unterstützung von Space-Eye haben wir folgende Idee:

Meine Schwester Dr. Ina Bartelmann war Ärztin und hat zu Lebzeiten nebenberuflich viele Bilder gemalt. Neben eigenen Entwürfen hat sie auch bekannte Bilder interpretiert, ohne jedoch Kopien anfertigen zu wollen.

Es sind im Laufe der Jahre um die 1.500 Bilder zusammengekommen. Einen Großteil der Bilder wollen wir Space-Eye zur Verfügung stellen:

 

Hier zur Galerie:

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Ich habe die Bilder abfotografiert, nach Motiven grob vorsortiert und hier veröffentlicht. Am angelegten Maßstab lässt sich die Größe des Bildes abschätzen. Jede Unterstützerin, jeder Unterstützer kann nun ein oder mehrere Bilder auswählen und per Mail bei mir bestellen. Die Bilder sind preislich nach Größe gestaffelt:

 

Größe bis 20 x 30 cm: 10 Euro

Größe bis 30 x 40 cm: 20 Euro

Größe über 30 x 40 cm: 30 Euro

Es handelt sich hierbei um Mindestbeträge. Sie können selbstverständlich einen höheren Betrag spenden.

Der Betrag geht 1:1 zu Space-Eye. Hinzu kommen lediglich Kosten für Verpackung und Porto.

Die Bestellung mögen Sie bitte unter Angabe der Bildnummer(n) per Mail (bartelmann@t-online.de) aufgeben.

Dr. Ulrich Bartelmann

Nishimbe, eine starke Frau aus Burundi

Nishimbe, eine starke Frau aus Burundi

Vergewaltigung, drohende Prostitution, Pushback und Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg!

Von Ursula Wohlgefahrt

Nishimbe ist viel zu aufgeregt, um ein Interview zu Hause im Studio von Space-Eye zu geben, das sie sich mit einer anderen jungen Frau teilt. Sie wünscht, an einen neutralen Ort zu gehen, wo sie ruhig sprechen könnte. Auf dem Weg in eine Kaffeebar auf Samos verliert sie noch eine ID-Karte. Wir suchen gemeinsam. Im Kaffee kann sie kaum still sitzen. Der ganze Körper ist immer in Bewegung. Eine Verschiebung des Interviews lehnt sie ab. Da beginne ich ihr zu erzählen, dass ich mich gestern Abend auf den heutigen Tag vorbereitet habe und meinen Partner fragte, ob er wisse, wo Burundi sei? Wir haben beide falsch geschätzt und auf Google herausgefunden, dass das Land im Osten von Afrika liegt, eingebettet zwischen Ruanda im Norden, Tansania im Osten und dem Kongo im Westen. Auch hätten wir rausgefunden, dass der Nil zwei Flussläufe hat und der eine Flusslauf, der Weiße Nil, seine Quelle in Burundi habe. Die Geschichte über das Land habe mich erschüttert, mit dem eher friedlichen Zusammenleben der Hutu und der Tutsi bis zum Einmarsch der Belgier im Jahr 1916. Von da an bekämpften sich die beiden Ethnien – bis heute.

Zu welcher Ethnie sie denn gehöre? Zu den Tutsis, erwidert mir Nishimbe. Sie lebte mit ihrer Familie bestehend aus Vater, Mutter, einem Bruder und einer jüngeren Schwester in der Hauptstadt Bujumbara. Ihre Mutter habe täglich am Markt einen Stand gehabt und Tomaten, Zwiebeln, Reis und Mehl verkauft. Der Vater war Fahrer höherer Politiker der Oppositionspartei. Eine andere Arbeit fand er nicht. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, und Burundi ist das ärmste Land der Welt. Eines Tages durfte Nishimbe die Schule ab der 12. Klasse nicht mehr besuchen. Es sei zu gefährlich für Kinder, deren Eltern in der Oppositionspartei sei, oder für diese arbeite. Sie ist dann dre Jahre zu Hause geblieben.

Eines Abends erschienen bei ihnen eine bewaffnete, vermummte Gruppe der Burundischen Polizei, der Imbonerac. Die Familie wurde aufgefordert, sich in einem Raum zu versammeln. Nishimbe musste sich entblößen, sie wurde gepackt und brutal vor den Augen ihrer Familie vergewaltigt. Der Vater hat laut aufbegehrt und wurde auf der Stelle mit zwei Kugeln in die Brust erschossen. Dann hat der Bruder aufgeschrien. Auch er wurde sofort erschossen, danach die Mutter. Die Polizei nahm die drei Leichname mit und ließ sie und ihre Schwester im Raum zurück. Ob ihre Familie begraben wurde und wo das Grab ist, davon hat Nishimbe keine Ahnung. Irgendwann kam ein Freund der Familie und hat die beiden jungen Frauen mit seinem Auto nach Uganda in Sicherheit gebracht, in ein Heim für Minderjährige einer christlichen Kirche. Die Schwester ging dort weiterhin zur Schule. Nishimbe hat dafür im Hausdienst mitgearbeitet.

Immer wieder kam ein Mann und erzählte im Heim, dass es in der Türkei Arbeit gebe gegen gutes Geld. Es sei einfach großartig. Die jungen Frauen müssten einfach nur mitkommen, die Organisation des Passes und die Reise seien alles bezahlt. Nishimbe dachte, es sei vielleicht ein Weg, wo sie doch noch an Geld für ein Studium zur Krankenschwester kommen könnte und willigte ein. In der Türkei hat sich dann herausgestellt, dass es sich bei der Arbeit um Prostitution handelt. Dem ersten Freier, einem Afrikaner, erklärte sie, was mit ihr passiert war und dass sie überhaupt keinen Mann mehr berühren könnte. Er verhalf ihr dann zur Flucht nach Izmir. Sie ist ihm ewig dankbar dafür.

Nishimbe ließ sich nicht unterkriegen: Drei Jahre arbeitete sie in einer Lederfabrik in Izmir und half bei der Schuh- und Taschenproduktion. Dann wechselte sie in ein Restaurant und half in der Küche, wo immer Hilfe gebraucht wurde. In Izmir hatte sie ein kleines Einkommen, konnte sich über Wasser halten und sandte sogar ihrer Schwester ins Heim nach Uganda Geld.

Flüchtlinge erzählten ihr von Europa, was dort alles möglich sein sollte. Sie erzählten ihr, dass in Europa, das von Izmir aus zum Greifen nahe ist, das große Glück liege. Sie beschloss, dass sie dieses Glück auch haben möchte und zahlte auf einer Agentur für die die Schmuggler und die Überfahrt nach Lesbos 900 Euro.

Am 27.11.2020 bei Wind und Wellengang ist das Boot gestartet und durchnässt ist sie auf Lesbos angekommen. Die Mitfahrer haben ihr noch geholfen aus dem Dingi auszusteigen. Dann hat sie sich mühsam in den Gebüschen am Strand versteckt. Sie konnte nicht mehr. Eine Körperhälfte war von den Armen bis zum Fuß wie gelähmt. Zwei Tage blieb sie so liegen, bis sie sich schließlich aufraffte. Fischer zeigten ihr, in welche Richtung sie zu gehen habe. Humpelnd erreichte sie nach langer Zeit eine Landstraße.

Plötzlich hielt ein Bus und lud sie auf. Es war aber nicht die versprochene Hilfsorganisation, sondern die Polizei, die sie und die restlichen Mitreisenden auflud und zu einem Feld in der Nähe des Flugplatzes brachte. Es war der Abend des 29.11.2020. Nun hatte sie bereits seit zwei Tagen nichts gegessen und getrunken, und es sollte noch schlimmer kommen. Auf dem Feld wurden sie angewiesen, dass die Männer auf der linken Seite und die Frauen auf der rechten Seite sich splitternackt auszogen. Ihnen wurden sämtliches Geld, Rucksäcke und die Handys angenommen. Dann zogen die Polizisten die Gürtel aus und schlugen die splitternackten, frierenden und hungernden Asylsuchenden wahllos. Sie wurden wieder angewiesen, ihre Kleider anzuziehen und in den Bus zu steigen, der sie zum Hafen brachte. Dort wurden sie in ein Frontex-Boot getrieben. Die Frontex fuhr aufs Meer hinaus und wasserte nach ein paar Kilometer zwei Dingi. Sie wurden angewiesen, in die Dingi zu steigen und die Frontex fuhr davon. Stunden später wurde sie von der türkischen Küstenwache gesichtet und mitgenommen. Nishimbe war körperlich in einem so schlechten Zustand, dass sie drei Monate in einem Spital in Izmir aufgepäppelt und therapiert werden musste. Ihre Motorik hat sie bis heute nicht wieder vollständig zurückerlangt. Sie hat einen hinkenden Gang.

Dieser Pushback wurde bei Hilfsorganisationen auf Lesbos publik. Ein Anwalt aus Athen meldete sich bei Nishimbe, noch als sie im Spital war. Sie hat zusammen mit einem jungen Mann gegen das Vorgehen der Polizei und der Frontex Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erhoben. Die Klage ist noch anhängig.

Da bei einer Einzahlung des Fahrpreises zur Überfahrt bei einer Agentur das Geld erst an die Schlepper ausbezahlt wird, wenn fünfmal keine erfolgreiche Überfahrt und Ankunft beim Camp stattfand, oder bei einer erfolgreichen Überfahrt und Ankunft beim Camp, so hatte sich Nishimbe entschieden, am 6.7.2021 nochmals eine Überfahrt nach Europa zu wagen. Sie landete nun auf Samos.

Nishimbe durfte nach ihrem Spitalaufenthalt in einen Container im alten Camp auf Samos. Ihr wurde in sehr kurzer Zeit Asyl gewährt. Junge Afrikanerinnen haben mich gebeten, ob ich nicht noch ein Bett in einem Studio freihätte, sie würden eine nette, ganz starke junge Frau kennen. Seit September 2021 lebt Nishimbe in einem Studio von Space-Eye und ist glücklich. Sie möchte dort einfach ihre Ruhe haben. Sie hat gar kein Vertrauen mehr zu Menschen, besonders zu den Männern. Da sie niemanden hier in Europa hat, oder kennt, würde sie gerne auf Samos bleiben. Doch die Arbeitssituation hier ist alles andere als gut. Eine Stelle als Übersetzerin für afrikanische Sprachen würde ihr gefallen. Ich bin sicher, dass sie mit ihrem starken Willen wieder sich selbst durchbringen kann, trotz ihrer körperlichen Einschränkung durch die erste Überfahrt nach Lesbos undf dem Pushback.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Flucht über die Grenzmauer: Beim 15. Versuch hat’s geklappt!

Flucht über die Grenzmauer: Beim 15. Versuch hat’s geklappt!

Von Ursula Wohlgefahrt und Marie-Thérèse Najjar 

Aleppo war früher eine prosperierende Stadt in Syrien mit Wirtschaft, Handwerk und Universitäten.
Dort betrieb der Vater von Morris eine Werkstatt und Verkauf für hochwertige Möbel mit Schnitzereien. Der Vater fertigte die Möbel selbst liebevoll in stundenlanger Kleinarbeit an. Morris schaute ihm als Kind oft zu. Vor elf Jahren starb der Vater unerwartet mit 44 Jahren an einer Embolie.

Die Mutter hat danach den Laden vermietet. Morris war gerade acht Jahre alt, als dies geschah. Die Miete hatte jedoch nicht gereicht, um die Familie zu ernähren. So mussten Sie zu den Verwandten ziehen, und die Mutter hat auch ihr Haus vermietet, um von den Mieteinnahmen notdürftig zu leben. Mit dem Krieg sank der Wert des syrischen Pfundes stetig, und so musste Morris schon früh nach der Schule in einer T-Shirt-Fabrik arbeiten, um die Familie mitzuernähren. Die Bomben hatten Aleppo fast zur Unkenntlichkeit zerstört. Morris’ Familie hat in den Trümmern überlebt. Mit dem Älterwerden wuchs in der Familie die Angst immer mehr, Morris könnte fürs Militär rekrutiert werden. Der Mutter graute davor. Ihr war lieber, ihr Sohn versuche die Flucht nach Europa, als sinnlos im Krieg zu sterben. So verkaufte die Mutter erhaltene Wertsachen und übergab dem Sohn das Geld.

Die Familie von Morris sind gläubige Christen. Mit ihren Nachbarn, den Muslimen und anderen Religionen, hatten sie nie Probleme. Sie waren ja früher ihre guten Kunden. Über die Religion wurde nicht gesprochen. Man merkte höchstens an den Vornamen, zu wessen Richtung der andere gehörte. Aber das störte in Aleppo niemanden.

Mit den Schmugglern hatte er abgemacht, dass sie nach der Grenze mit einem Fahrzeug auf ihn warten und ihn nach Istanbul bringen. Für die sichere Fahrt durch die Türkei und den Aufenthalt in Istanbul musste er im Voraus 3.000 Dollar bezahlen. 15-mal hat er versucht, über die hohe Grenzmauer zu klettern. 14-mal ist es ihm misslungen. Er wurde von der Grenzpolizei abgefangen, geschlagen und ins Gefängnis gesteckt und nach einigen Tagen wieder zurück nach Syrien gebracht.  Die Grenzpolizei war besonders wütend, dass er ein Tattoo mit einem christlichen Kreuz am Arm trägt, und sie beschimpfen und schlugen ihn deswegen. Jeden zweiten Tag hat er es trotzdem danach wieder versucht.

Von Istanbul ist er auf dem Landweg weiter marschiert und hat achtmal versucht, den Grenzfluss Evros zu überqueren. Dann gelang es ihm in Edirne, noch auf der türkischen Seite, sich heimlich in einem Lastwagen zu verstecken und über die Grenze zu fahren – nach Athen. In Athen angekommen, machte sich der Fahrer ans Entladen der Waren und erschrak sich dabei halb zu Tode, als er den jungen, dehydrierten und hungernden Morris zwischen seiner Ladung vorfand.

Morris war insgesamt 8,5 Monate von Aleppo bis nach Athen unterwegs. In Athen ist er völlig mittellos angekommen. Er hat sich von allem ernährt, was er vorfand und was ihm von andern Menschen auf der Flucht angeboten wurde, was er sehr dankbar annahm. Die Schlepper hatten ihm den letzten Dollar abgeknöpft.

Nun hat er in unserer Männer-WG in Athen Obdach gefunden, wo er mit sechs weiteren Männern zusammenlebt. Hier hat er ein sauberes Bett und erhält täglich ein leckeres Mittagessen aus der Küche der Armenisch-Katholischen Kirche. Auch für das Morgen- und Abendessen wird gesorgt.

Morris hat Tanten in Deutschland, welche ihn bisweilen unterstützen. Sein großes Ziel ist jedoch nicht Deutschland, sondern Holland, weil dort ein Familiennachzug nach einiger Zeit beantragt werden kann. Er möchte unbedingt seine Mutter und seinen 13-jährigen Bruder zu sich holen, damit die Familie wieder zusammen ist. Das ist sein großer Traum. Auch möchte er nochmals das Gymnasium besuchen und vielleicht studieren. Die Fächer Mathematik, Physik und Bio liegen ihm besonders. Er weiß, dass dies ein hochgestecktes Ziel ist, doch um dies zu erreichen, lernt er täglich auf YouTube niederländisch. Doch Syrien wird er nie vergessen.

Churuk ist glücklich in Deutschland angekommen!

Churuk ist glücklich in Deutschland angekommen!

Von Ursula Wohlgefahrt

Es ist schön, berichten zu können, dass wir einer Mutter mit zwei kleinen Töchtern vom Dschungel des alten Camps auf Samos bis nach Bremerhaven helfen konnten. Den letzten Schritt von Athen nach Deutschland hat Churuk mit ihren beiden Kindern alleine gemacht. Churuk wurde von Friedericke Wipfler vom Bayrischen Fernsehen einen Tag auf Samos begleitet, wie sie die Kinder zur Schule bringt und was ihre Schwierigkeiten und ihre Träume sind. Der Film ist hier zu sehen. Das Titelmädchen ist die 6-jährige Mirna. Die kleine Familie kommt aus dem Gaza-Streifen. Ich habe sie letzten Winter im Camp kennengelernt. Sie lebten in einer der Elendshütten im Palästinenser-Quartier im wilden Camp.

Churuk lebte mit ihren Kindern vom Januar bis Ende Juni 2021 in unserem Housing-Projekt auf Samos in einer kleinen Wohnung. Dann wollte sie die Pässe in Athen abholen und direkt zu ihren Verwandten nach Deutschland fliegen. Fehler in den Pässen haben sie dann nochmals in Athen weitere 4,5 Monate warten lassen. Space-Eye hat einen großen Beitrag an ihren Lebenshaltungskosten bezahlt, und die Kinder sind in Athen auch wieder in die Schule gegangen.

Nun hat Churuk einen Niederlassungsausweis in Bremerhaven für drei Monate erhalten. Den ersten Monat lebte sie in einem Lager, und heute hat sie mir freudig mitgeteilt, dass sie eine kleine, schicke Wohnung erhalten hat. Sie ist überglücklich, inzwischen dort angekommen zu sein, wo ihre Liebsten wohnen und hofft sehr, in Kürze Deutsch zu lernen und sich hier einzuleben.

Von Herzen wünscht das Housing-Team Athen und Samos Churuk und ihren Kindern wirklich nur das Beste.

„Wenn ich die Oud spiele und die Augen schließe, fühle ich mich wieder zu Hause!“

„Wenn ich die Oud spiele und die Augen schließe, fühle ich mich wieder zu Hause!“

Von Ursula Wohlgefahrt

Als Musiklehrer hat der heute 33-jährige Yassir früher in Hama, nördlich von Homs in Syrien, sein Geld verdient. Er unterrichtete hauptsächlich den Kindern in der Schule Solfège. Mit Solfège wird die Stimme und das Gehör gebildet. Doch seine große Liebe gilt der Oud, dem schönen Mandoline-artigen Saiten-Instrument, das im Nahen Osten gespielt wird. Bei Konzerten, an Hochzeiten und bei Festen verschmolz seine Seele. Wenn er Musik spielen kann, so ist er in einer anderen Welt.

Seine Frau ist Hauswirtschaftslehrerin und gibt noch heute Unterricht, jedoch schon lange nicht mehr in Vollzeit, seit die beiden eine kleine Tochter haben. Die Kleine ist nun zwei Jahre alt. Als sie drei Monate alt war, hat Yassir die Familie verlassen. Seine Frau wohnt jetzt bei den Schwiegereltern. Sie ist die einzige Tochter. Das wenige, das sie nun verdient, reicht ihr nicht zum Leben, aber mit der Unterstützung der Schwiegereltern kommen sie über die Runden. Der syrische Staat zahlt kaum mehr Löhne für Lehrer.

Yassir ist über die Grenze in die Türkei geflüchtet. Die Angst vor einem Einzug ins Militär, oder eine Entführung, war zu groß. Wenn es kritisch wurde, konnte die Familie ihn immer wieder verstecken.

Auf der Flucht war nicht alleine. An der syrisch/türkischen Grenze sind sie durch einen langen Tunnel, den Syrer zuvor gebuddelt hatten, unter der Grenzmauer durch auf allen Vieren in die Türkei gekrochen. Der Tunnel war dunkel und schmal und sehr lang. Es ist ihm wie eine Ewigkeit erschienen, bis er auf allen Vieren robbend das Ende des Tunnels erreichte und wieder frische Luft schnappen konnte, über und über voll von Erde und Blut.  Einmal drinnen gab es kein Zurück mehr, nur noch ein Vorwärts. An den Knien und am Kopf hat sich Yassir verletzt, da vergrabene Eisenstücke scharfe Kanten hatten und er sie in der Dunkelheit nicht gesehen hatte.  Doch es gab kein Ausruhen: Sie mussten schnellstens weg von der Grenze, zu Fuß über einen Berg und über einen Fluss bis nach Mersin. 15 Tage waren sie zu Fuß unterwegs. Dann sind sie mit einem Dolmus Bus nach Izmir gelangt. Hier war vorläufig Schluss. Covid hat die weitere Flucht vorläufig für sechs Monate verhindert. Für diese Zeit in Izmir haben ihm die Schlepper 3.000 Euro abgenommen, um dort ein Bett und ein Dach über dem Kopf zu erhalten. Nach sechs Monaten haben sie die Schlepper nach Sisme gebracht. Dort stand eine Jacht für sie bereit. Jeder der 25 Flüchtlinge hat den Schleppern 4.000 Euro bezahlt. Mit der Jacht ging es von Sisme bis nach Athen. Ein Cousin hat sie mit meinem Begleiter am Hafen von Athen erwartet und sie dann in eine Wohngemeinschaft WG für junge Leute nach Achernoun (Stadtteil von Athen) gebracht. Da das Geld inzwischen längst zu Ende war, landete er auf der Straße, konnte aber immer bei der armenischen Kirche am Mittagstisch dabei sein.

Nun hat auch er ein Bett in der Männer-WG von Space-Eye in Neos Kosmos erhalten und ist dafür sehr dankbar.

Das Schlimmste für ihn ist, dass er von Frau und Kind inzwischen schon seit einem Jahr und acht Monaten getrennt ist. Die Kleine hat er nur über WhatsApp aufwachsen sehen. Seine Familie hat für seine Flucht bis jetzt zwei Häuser verkauft, plus das Auto seines Schwagers. Jetzt ist er verschuldet und hat kein Geld für die weitere Flucht nach Holland. Die Schmuggler wollen für die Strecke Athen-Holland nochmals 3.500 Euro.  Viermal hat er es bereits versucht, mit dem Flugzeug nach Belgien zu fliegen. Viermal hat ihn die Polizei erwischt. Jetzt ist vorläufig ein Ende. Seine Familie kann kein Geld mehr beisteuern. Jetzt muss er unbedingt eine Arbeit suchen.

Die einzige rechtliche Möglichkeit heute, um seine Familie zu vereinen, ist Holland. Aber dazu muss er zuerst in Athen Arbeit finden. Wie durch ein Wunder haben wir im Fundus der Armenisch-Katholischen Kirche eine Oud gefunden: Vielleicht ist dies ja der Schlüssel zu einer baldigen Arbeit. Vielleicht!

Ashtar – allein auf der Flucht

Ashtar – allein auf der Flucht

Von Andrea und Lea Weaver

Heute sind wir mit drei Frauen aus dem Studio-Haus von Space-Eye und Firas (unserem Dolmetscher) bei der Pizzeria am Hafen zum Essen verabredet.

Ashtar, eine 53-jährige Sunnitin aus dem Irak, berichtet aus ihrem Leben. Das Schicksal hat ihr schwer zugesetzt.

Ashtar wurde mit 17 Jahren verheiratet. Als sie 18 Jahre alt war, verstarb ihr erstes Kind. Sie gebar zwei weitere Kinder, im Abstand von zwei Jahren. Ihr Ehemann ist seit 1990 im Golfkrieg verschollen. Ab diesem Zeitpunkt musste sie, vollkommen auf sich allein gestellt, für sich und ihre zwei Kinder, sorgen. Sie arbeitete, um zu überleben.

Ursprünglich stammt sie aus Bagdad. Gemeinsam mit ihren Kindern zog sie, ständig auf der Suche nach Arbeit und einem Ort, an dem sie sich wohlfühlen könnten, um. Unter anderem lebte sie zeitweise in Kirkuk, mehrmals in Bagdad (Irak) und in der Türkei. Sie lernte in dieser Zeit die türkische Sprache.

2019 kam Ashtar nach Griechenland, während ihre mittlerweile erwachsenen Kinder in der Türkei blieben. Sie lebte über 1,5 Jahre im Camp, bis sie die Gelegenheit wahrnahm, mit einer weiteren Frau, in eine Wohnung von Space-Eye zu ziehen. Ashtar ist gezeichnet von den Schicksalsschlägen, plagt sich mit gesundheitlichen Problemen, und wünscht sich nichts sehnlicher, als in ihr Traumland Deutschland überzusiedeln, um ihre Vergangenheit dort ablegen zu können.

Wie Fatou ihr Leben wiederfand

Wie Fatou ihr Leben wiederfand

Von Beatrix Szabo

Fatou ist mit ihren fünf Kindern in Athen angekommen. Angekommen nach der Flucht aus dem Kongo. Angekommen in der Wohnung vom Housing Projekt von Space-Eye Hellas.

Zehn Jahre zuvor hat sie zusammen mit ihrem Mann ihr Heimatland verlassen. Der Kongo ist immer noch ein Scherbenhaufen aus unklaren, kaum funktionierenden staatlichen Strukturen und gewalttätigen Rebellengruppen. Über 4,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Gegen Regierungskritiker gehen Polizei und Militär rücksichtslos vor. Auch Fatous Mann wurde politisch verfolgt. Mit Unterstützung der Verwandtschaft konnte Fatou mit ihrer Familie nach Angola fliehen. Die politische Lage dort ist stabil, und so hofften sie, ein neues Leben beginnen zu können. „In den acht Jahren, die wir dort lebten, unternahmen wir alles, um Teil der Gesellschaft zu sein, immer in der Angst entdeckt zu werden“. Eines Nachts kamen dann tatsächlich Männer, die behaupteten, von der Polizei zu sein und nahmen den Vater der Kinder mit. „Sie haben ihn entführt“, sagt Fatou mit Tränen in den Augen, „ich habe ihn sieben Monate gesucht“. Nach einem Einbruch und völliger Zerstörung der Wohnung flüchteten Fatou und ihre Kinder aus Angola.

Wir sitzen auf dem Sofa in ihrer Dreizimmerwohnung am äußersten Stadtrand von Athen. Neben mir die fünfjährige Moppe mit einer Schnupfennase. Dem traurigen Gesicht meiner Gesprächspartnerin sieht man die Strapazen der vergangenen Jahre an. Eigentlich ist sie eine tatkräftige, lebenslustige Frau, doch beim Erzählen kommen ihre schrecklichen Erlebnisse wieder ins Bewusstsein. Sie vermisst ihren Mann, ihre Verwandten. Sie stockt, braucht eine Pause und erzählt dann weiter.

Nach über 5000 km erreichen Fatou und ihre Kinder endlich Samos. Ihre Anerkennung bekam sie schon Anfang 2021. Aber mit der dadurch gewonnenen „Freiheit“ stehen sie – wie schon so oft vorher – vor dem Nichts. Alle Bezüge und Unterstützungsleistungen entfallen! So lebte sie mit ihren Kindern im Dschungel in einem selbstgefertigten Zelt aus Stofffetzen und Plastik. Kaum vorstellbar, was das für eine alleinstehende Frau bedeutet. Eine junge Frau, alleine mit fünf Kindern, steht praktisch von heute auf morgen auf der Straße, in einer fremden Stadt, in einem fremden Land, umgeben von fremder Sprache und fremden Sitten und Gebräuchen. Willkommen in Europa!

Uschi „fand“ die Familie und unterstütze sie zunächst aus privaten Spenden. Nachdem sie auf Samos keine Wohnung für sie mieten konnten, wurde dann mit weiterer Unterstützung der Organisation Helios für die Familie eine Wohnung in Athen gefunden. Marie-Therese, die Sozialarbeiterin von Space-Eye hilft ihnen bei Behördengängen, Schulangelegenheiten, der Besorgung von Möbeln und Kleidung. Die Familie – sowieso schon zweisprachig – will Griechisch lernen, aber Fatou wird immer verzweifelter. Das Erlernen der fremden Sprache ist zu schwierig. Sie möchte arbeiten, mit anderen Menschen sprechen, sich integrieren. Sie ist traurig, wirkt zerbrechlich.

Uschi: „Mitte Dezember bat Fatou Marie-Thérèse und mich um Entschuldigung, sie könne einfach nicht anders, sie habe es versucht mit allen Mitteln in Athen Fuß zu fassen, aber ohne Erfolg.“ Mit dem Beitrag für den Lebensunterhalt für Dezember kaufte Fatou Tickets, und sie flogen kurz vor Weihnachten nach Frankfurt und fuhren von dort mit dem Zug nach Frankreich.

Uschi: „Gestern Abend hatte ich ein langes Telefongespräch mit Fatou. Sie war völlig ausgewechselt. Sie sendet uns herzlichste Grüße aus Le Havre“. Zurzeit leben sie in einer Wohnung in einer Flüchtlingsunterkunft. In Frankreich hat man ihr Hilfe versprochen. Die Kinder sollen gleich eingeschult werden. Sie ist überglücklich. Fatou kann endlich wieder mit Menschen, in einer ihr bekannten Sprache reden. Ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Immer wieder zwischen dem Erzählen hat sie unterbrochen und mitgeteilt: “Merci mille fois maman pour toutes, merci!” „Vielen Dank Mama für alles, vielen Dank!“

So wie Fatous Wohnung mietet Space-Eye Hellas auf Samos seit über einem Jahr und in Athen seit ca. einem halben Jahr fast 25 Wohnungen. Über 300 Menschen leben und lebten in den Wohnungen. Fanden ein Zuhause, eine Zuflucht, Ohren und Herzen, die zuhören, Mitgefühl haben und weiter helfen auf dem Weg.