fbpx

Milad ist 18 Jahre alt und erklärt uns auf dem Weg zu Ihrem Lagerplatz einiges über sich und seine Familie. Sie lebten bereits zwei Jahre in dem Lager, als seine gesamte Familie am Corona-Virus erkrankte. Hieraufhin mussten sie auf die Quarantäne-Station, ein abgeschirmter Bereich des Lagers. Sie verbrachten dort 14 Tage. Dies war die schlimmste Zeit für die Familie im Lager. Milad erinnert sich nicht gerne daran zurück. Sein Vater, der herz- und lungenkrank ist, musste ins Krankenhaus verlegt werden. Hier durften sie ihn längere Zeit nicht sehen. Die Covid-Erkrankung war so schwerwiegend, dass Milads Vater aufs Festland in ein Krankenhaus verlegt werden musste. Die Familie erhielt ungefähr zeitgleich Pässe, die zum Aufenthalt in Griechenland und zum Reisen in Europa (als Touristen), berechtigten. Zusammen verließen sie das Camp auf Samos, um bei dem Vater zu sein. Nach der Genesung konnte die Familie keine Bleibe auf dem Festland finden und kehrte, aus der Not heraus, zurück in das alte Lager auf Samos. Inzwischen ist das Lager von rund 8.000 (im Jahr 2020) auf etwa 800 Flüchtlinge geschrumpft. Die Familie zog zurück in den „Dschungel“, dem illegalen, selbst gezimmerten Lagerbereich, in einem Konstrukt aus Pfählen und Planen, gebaut auf Stelzen, um dem Schlamm, der sich im Winter oder der Regenzeit bildet, etwas entkommen zu können. So gut es geht, haben Sie sich den Bereich eingerichtet, mit Teppichen auf dem Boden, und sogar einer Glühbirne in dem Schlafbereich, betrieben von einer Solarzelle, die Milad sich besorgte. Seine Mutter und Schwestern kochen draußen und spülen das Geschirr mit Wasser aus einer Regentonne.

Die Familie ist sehr gastfreundlich. Milads Mutter kocht uns Chai (Tee) und sie laden uns ein, auf Ihrem auf Stelzen stehendem Boden und bereit gestellten Plastikstühlen zu sitzen. Wir unterhalten uns über den bevorstehenden Umzug in die Wohnung. Uschi erklärt die Formalitäten, beispielsweise, dass die Kosten der Wohnung von Space-Eye übernommen werden; dass Decken aus dem Lager nur in gewaschenem Zustand mitgebracht werden dürfen, da sich im Lager Bettwanzen nicht vermeiden lassen, usw.

Beim Chai trinken berichtet uns die afghanische Familie ĂĽber ihre Vergangenheit.

Milads Vater und auch Milad selbst arbeiteten in Ihrer Heimat am Bau. Nebenbei betrieb Milad einen Barbershop. Auch im Lager hat er einen kleinen „Friseurladen“ betrieben.

Am liebsten würde Milad eine Ausbildung machen, bei der er sowohl handwerklich als auch kognitiv dazulernt. Seine jüngere Schwester (12) besucht die Schule auf Samos und pflegt eine enge Freundschaft zu zwei gleichaltrigen Freundinnen im Flüchtlingscamp. Wir treffen seine Schwester, als wir zum Schluss eine Führung durch das Lager erhalten.  Ihr Bruder informiert sie, dass sie am nächsten Tag in ein Haus in der Stadt umziehen werden. Milads kleine Schwester wirkt nicht zufrieden, im Gegenteil sie wirkt unglücklich. Ihre Sorge ist nicht mehr so nah bei ihren Freundinnen zu wohnen. Sie ist ein Teenager und braucht ihre Freunde, um den Schmerz der Vergangenheit vergessen zu können.

Während Milad uns weiter durch das Lager führt, sehen wir mehrere Moscheen, gezimmert von den Flüchtlingen selbst. Wasser für den täglichen Bedarf muss in Kanistern von wenigen Wasserstellen zu den Zelten getragen werden. Es gibt Dixi-Toiletten und Duschen von UNHCR. Damit der Weg am Abend nicht zu weit ist, bauten NGOs zusätzlich „Toiletten“ aus Lehm, mit Zeltplanen ringsherum, als Sichtschutz. Die Lebensumstände im Lager sind schwer zu ertragen. Am folgenden Tag verabredet Uschi sich mit der Familie zur Wohnungsübergabe.

Als wir die Familie zwei Tage später aufsuchen, berichten sie von Kakerlaken, von denen sie in der Nacht gebissen wurden. Daraufhin räumte die Familie alles aus der Wohnung und putzte nochmal gründlich. Uschi kam mit Firas (Uschis vielseitig talentierter Dolmetscher) und Insektengift herbeigeeilt, um die Wohnung von dem Ungeziefer zu befreien. Jetzt können sie sorglos in der Wohnung leben.

Die Familie ist Uschi sehr dankbar für ihren prompten Einsatz und ganz besonders für die schöne Wohnung mit Terrasse.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ in Griechenland ein Housing-Projekt, das schon hunderten Menschen Unterkunft geboten hat.