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Bilder für die Nothilfe Ukraine

Bilder für die Nothilfe Ukraine

Liebe Unterstützer:innen von Space-Eye,

meine Frau Susanne und ich leben seit über 20 Jahren im Raum Regensburg und sind beide im Ruhestand. Seit längerer Zeit unterstützen wir Space-Eye, früher auch Sea-Eye.

Zur Unterstützung von Space-Eye haben wir folgende Idee:

Meine Schwester Dr. Ina Bartelmann war Ärztin und hat zu Lebzeiten nebenberuflich viele Bilder gemalt. Neben eigenen Entwürfen hat sie auch bekannte Bilder interpretiert, ohne jedoch Kopien anfertigen zu wollen.

Es sind im Laufe der Jahre um die 1.500 Bilder zusammengekommen. Einen Großteil der Bilder wollen wir Space-Eye zur Verfügung stellen:

 

Hier zur Galerie:

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Ich habe die Bilder abfotografiert, nach Motiven grob vorsortiert und hier veröffentlicht. Am angelegten Maßstab lässt sich die Größe des Bildes abschätzen. Jede Unterstützerin, jeder Unterstützer kann nun ein oder mehrere Bilder auswählen und per Mail bei mir bestellen. Die Bilder sind preislich nach Größe gestaffelt:

 

Größe bis 20 x 30 cm: 10 Euro

Größe bis 30 x 40 cm: 20 Euro

Größe über 30 x 40 cm: 30 Euro

Es handelt sich hierbei um Mindestbeträge. Sie können selbstverständlich einen höheren Betrag spenden.

Der Betrag geht 1:1 zu Space-Eye. Hinzu kommen lediglich Kosten für Verpackung und Porto.

Die Bestellung mögen Sie bitte unter Angabe der Bildnummer(n) per Mail (bartelmann@t-online.de) aufgeben.

Dr. Ulrich Bartelmann

Nishimbe, eine starke Frau aus Burundi

Nishimbe, eine starke Frau aus Burundi

Vergewaltigung, drohende Prostitution, Pushback und Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg!

Von Ursula Wohlgefahrt

Nishimbe ist viel zu aufgeregt, um ein Interview zu Hause im Studio von Space-Eye zu geben, das sie sich mit einer anderen jungen Frau teilt. Sie wünscht, an einen neutralen Ort zu gehen, wo sie ruhig sprechen könnte. Auf dem Weg in eine Kaffeebar auf Samos verliert sie noch eine ID-Karte. Wir suchen gemeinsam. Im Kaffee kann sie kaum still sitzen. Der ganze Körper ist immer in Bewegung. Eine Verschiebung des Interviews lehnt sie ab. Da beginne ich ihr zu erzählen, dass ich mich gestern Abend auf den heutigen Tag vorbereitet habe und meinen Partner fragte, ob er wisse, wo Burundi sei? Wir haben beide falsch geschätzt und auf Google herausgefunden, dass das Land im Osten von Afrika liegt, eingebettet zwischen Ruanda im Norden, Tansania im Osten und dem Kongo im Westen. Auch hätten wir rausgefunden, dass der Nil zwei Flussläufe hat und der eine Flusslauf, der Weiße Nil, seine Quelle in Burundi habe. Die Geschichte über das Land habe mich erschüttert, mit dem eher friedlichen Zusammenleben der Hutu und der Tutsi bis zum Einmarsch der Belgier im Jahr 1916. Von da an bekämpften sich die beiden Ethnien – bis heute.

Zu welcher Ethnie sie denn gehöre? Zu den Tutsis, erwidert mir Nishimbe. Sie lebte mit ihrer Familie bestehend aus Vater, Mutter, einem Bruder und einer jüngeren Schwester in der Hauptstadt Bujumbara. Ihre Mutter habe täglich am Markt einen Stand gehabt und Tomaten, Zwiebeln, Reis und Mehl verkauft. Der Vater war Fahrer höherer Politiker der Oppositionspartei. Eine andere Arbeit fand er nicht. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, und Burundi ist das ärmste Land der Welt. Eines Tages durfte Nishimbe die Schule ab der 12. Klasse nicht mehr besuchen. Es sei zu gefährlich für Kinder, deren Eltern in der Oppositionspartei sei, oder für diese arbeite. Sie ist dann dre Jahre zu Hause geblieben.

Eines Abends erschienen bei ihnen eine bewaffnete, vermummte Gruppe der Burundischen Polizei, der Imbonerac. Die Familie wurde aufgefordert, sich in einem Raum zu versammeln. Nishimbe musste sich entblößen, sie wurde gepackt und brutal vor den Augen ihrer Familie vergewaltigt. Der Vater hat laut aufbegehrt und wurde auf der Stelle mit zwei Kugeln in die Brust erschossen. Dann hat der Bruder aufgeschrien. Auch er wurde sofort erschossen, danach die Mutter. Die Polizei nahm die drei Leichname mit und ließ sie und ihre Schwester im Raum zurück. Ob ihre Familie begraben wurde und wo das Grab ist, davon hat Nishimbe keine Ahnung. Irgendwann kam ein Freund der Familie und hat die beiden jungen Frauen mit seinem Auto nach Uganda in Sicherheit gebracht, in ein Heim für Minderjährige einer christlichen Kirche. Die Schwester ging dort weiterhin zur Schule. Nishimbe hat dafür im Hausdienst mitgearbeitet.

Immer wieder kam ein Mann und erzählte im Heim, dass es in der Türkei Arbeit gebe gegen gutes Geld. Es sei einfach großartig. Die jungen Frauen müssten einfach nur mitkommen, die Organisation des Passes und die Reise seien alles bezahlt. Nishimbe dachte, es sei vielleicht ein Weg, wo sie doch noch an Geld für ein Studium zur Krankenschwester kommen könnte und willigte ein. In der Türkei hat sich dann herausgestellt, dass es sich bei der Arbeit um Prostitution handelt. Dem ersten Freier, einem Afrikaner, erklärte sie, was mit ihr passiert war und dass sie überhaupt keinen Mann mehr berühren könnte. Er verhalf ihr dann zur Flucht nach Izmir. Sie ist ihm ewig dankbar dafür.

Nishimbe ließ sich nicht unterkriegen: Drei Jahre arbeitete sie in einer Lederfabrik in Izmir und half bei der Schuh- und Taschenproduktion. Dann wechselte sie in ein Restaurant und half in der Küche, wo immer Hilfe gebraucht wurde. In Izmir hatte sie ein kleines Einkommen, konnte sich über Wasser halten und sandte sogar ihrer Schwester ins Heim nach Uganda Geld.

Flüchtlinge erzählten ihr von Europa, was dort alles möglich sein sollte. Sie erzählten ihr, dass in Europa, das von Izmir aus zum Greifen nahe ist, das große Glück liege. Sie beschloss, dass sie dieses Glück auch haben möchte und zahlte auf einer Agentur für die die Schmuggler und die Überfahrt nach Lesbos 900 Euro.

Am 27.11.2020 bei Wind und Wellengang ist das Boot gestartet und durchnässt ist sie auf Lesbos angekommen. Die Mitfahrer haben ihr noch geholfen aus dem Dingi auszusteigen. Dann hat sie sich mühsam in den Gebüschen am Strand versteckt. Sie konnte nicht mehr. Eine Körperhälfte war von den Armen bis zum Fuß wie gelähmt. Zwei Tage blieb sie so liegen, bis sie sich schließlich aufraffte. Fischer zeigten ihr, in welche Richtung sie zu gehen habe. Humpelnd erreichte sie nach langer Zeit eine Landstraße.

Plötzlich hielt ein Bus und lud sie auf. Es war aber nicht die versprochene Hilfsorganisation, sondern die Polizei, die sie und die restlichen Mitreisenden auflud und zu einem Feld in der Nähe des Flugplatzes brachte. Es war der Abend des 29.11.2020. Nun hatte sie bereits seit zwei Tagen nichts gegessen und getrunken, und es sollte noch schlimmer kommen. Auf dem Feld wurden sie angewiesen, dass die Männer auf der linken Seite und die Frauen auf der rechten Seite sich splitternackt auszogen. Ihnen wurden sämtliches Geld, Rucksäcke und die Handys angenommen. Dann zogen die Polizisten die Gürtel aus und schlugen die splitternackten, frierenden und hungernden Asylsuchenden wahllos. Sie wurden wieder angewiesen, ihre Kleider anzuziehen und in den Bus zu steigen, der sie zum Hafen brachte. Dort wurden sie in ein Frontex-Boot getrieben. Die Frontex fuhr aufs Meer hinaus und wasserte nach ein paar Kilometer zwei Dingi. Sie wurden angewiesen, in die Dingi zu steigen und die Frontex fuhr davon. Stunden später wurde sie von der türkischen Küstenwache gesichtet und mitgenommen. Nishimbe war körperlich in einem so schlechten Zustand, dass sie drei Monate in einem Spital in Izmir aufgepäppelt und therapiert werden musste. Ihre Motorik hat sie bis heute nicht wieder vollständig zurückerlangt. Sie hat einen hinkenden Gang.

Dieser Pushback wurde bei Hilfsorganisationen auf Lesbos publik. Ein Anwalt aus Athen meldete sich bei Nishimbe, noch als sie im Spital war. Sie hat zusammen mit einem jungen Mann gegen das Vorgehen der Polizei und der Frontex Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erhoben. Die Klage ist noch anhängig.

Da bei einer Einzahlung des Fahrpreises zur Überfahrt bei einer Agentur das Geld erst an die Schlepper ausbezahlt wird, wenn fünfmal keine erfolgreiche Überfahrt und Ankunft beim Camp stattfand, oder bei einer erfolgreichen Überfahrt und Ankunft beim Camp, so hatte sich Nishimbe entschieden, am 6.7.2021 nochmals eine Überfahrt nach Europa zu wagen. Sie landete nun auf Samos.

Nishimbe durfte nach ihrem Spitalaufenthalt in einen Container im alten Camp auf Samos. Ihr wurde in sehr kurzer Zeit Asyl gewährt. Junge Afrikanerinnen haben mich gebeten, ob ich nicht noch ein Bett in einem Studio freihätte, sie würden eine nette, ganz starke junge Frau kennen. Seit September 2021 lebt Nishimbe in einem Studio von Space-Eye und ist glücklich. Sie möchte dort einfach ihre Ruhe haben. Sie hat gar kein Vertrauen mehr zu Menschen, besonders zu den Männern. Da sie niemanden hier in Europa hat, oder kennt, würde sie gerne auf Samos bleiben. Doch die Arbeitssituation hier ist alles andere als gut. Eine Stelle als Übersetzerin für afrikanische Sprachen würde ihr gefallen. Ich bin sicher, dass sie mit ihrem starken Willen wieder sich selbst durchbringen kann, trotz ihrer körperlichen Einschränkung durch die erste Überfahrt nach Lesbos undf dem Pushback.

„Uschi“

Ursula Wohlgefahrt lebt auf Samos und kümmert sich „hauptamtlich“ um gestrandete Flüchtlinge – Menschen, die zwar eine Anerkennung als Asylberechtigte haben, aber kein Geld, keine Unterkunft und keine Ausreisepapiere. Für Space-Eye betreibt „Uschi“ auf Samos ein Housing-Project, das inzwischen rund 90 Menschen Unterkunft bietet.

Flucht über die Grenzmauer: Beim 15. Versuch hat’s geklappt!

Flucht über die Grenzmauer: Beim 15. Versuch hat’s geklappt!

Von Ursula Wohlgefahrt und Marie-Thérèse Najjar 

Aleppo war früher eine prosperierende Stadt in Syrien mit Wirtschaft, Handwerk und Universitäten.
Dort betrieb der Vater von Morris eine Werkstatt und Verkauf für hochwertige Möbel mit Schnitzereien. Der Vater fertigte die Möbel selbst liebevoll in stundenlanger Kleinarbeit an. Morris schaute ihm als Kind oft zu. Vor elf Jahren starb der Vater unerwartet mit 44 Jahren an einer Embolie.

Die Mutter hat danach den Laden vermietet. Morris war gerade acht Jahre alt, als dies geschah. Die Miete hatte jedoch nicht gereicht, um die Familie zu ernähren. So mussten Sie zu den Verwandten ziehen, und die Mutter hat auch ihr Haus vermietet, um von den Mieteinnahmen notdürftig zu leben. Mit dem Krieg sank der Wert des syrischen Pfundes stetig, und so musste Morris schon früh nach der Schule in einer T-Shirt-Fabrik arbeiten, um die Familie mitzuernähren. Die Bomben hatten Aleppo fast zur Unkenntlichkeit zerstört. Morris’ Familie hat in den Trümmern überlebt. Mit dem Älterwerden wuchs in der Familie die Angst immer mehr, Morris könnte fürs Militär rekrutiert werden. Der Mutter graute davor. Ihr war lieber, ihr Sohn versuche die Flucht nach Europa, als sinnlos im Krieg zu sterben. So verkaufte die Mutter erhaltene Wertsachen und übergab dem Sohn das Geld.

Die Familie von Morris sind gläubige Christen. Mit ihren Nachbarn, den Muslimen und anderen Religionen, hatten sie nie Probleme. Sie waren ja früher ihre guten Kunden. Über die Religion wurde nicht gesprochen. Man merkte höchstens an den Vornamen, zu wessen Richtung der andere gehörte. Aber das störte in Aleppo niemanden.

Mit den Schmugglern hatte er abgemacht, dass sie nach der Grenze mit einem Fahrzeug auf ihn warten und ihn nach Istanbul bringen. Für die sichere Fahrt durch die Türkei und den Aufenthalt in Istanbul musste er im Voraus 3.000 Dollar bezahlen. 15-mal hat er versucht, über die hohe Grenzmauer zu klettern. 14-mal ist es ihm misslungen. Er wurde von der Grenzpolizei abgefangen, geschlagen und ins Gefängnis gesteckt und nach einigen Tagen wieder zurück nach Syrien gebracht.  Die Grenzpolizei war besonders wütend, dass er ein Tattoo mit einem christlichen Kreuz am Arm trägt, und sie beschimpfen und schlugen ihn deswegen. Jeden zweiten Tag hat er es trotzdem danach wieder versucht.

Von Istanbul ist er auf dem Landweg weiter marschiert und hat achtmal versucht, den Grenzfluss Evros zu überqueren. Dann gelang es ihm in Edirne, noch auf der türkischen Seite, sich heimlich in einem Lastwagen zu verstecken und über die Grenze zu fahren – nach Athen. In Athen angekommen, machte sich der Fahrer ans Entladen der Waren und erschrak sich dabei halb zu Tode, als er den jungen, dehydrierten und hungernden Morris zwischen seiner Ladung vorfand.

Morris war insgesamt 8,5 Monate von Aleppo bis nach Athen unterwegs. In Athen ist er völlig mittellos angekommen. Er hat sich von allem ernährt, was er vorfand und was ihm von andern Menschen auf der Flucht angeboten wurde, was er sehr dankbar annahm. Die Schlepper hatten ihm den letzten Dollar abgeknöpft.

Nun hat er in unserer Männer-WG in Athen Obdach gefunden, wo er mit sechs weiteren Männern zusammenlebt. Hier hat er ein sauberes Bett und erhält täglich ein leckeres Mittagessen aus der Küche der Armenisch-Katholischen Kirche. Auch für das Morgen- und Abendessen wird gesorgt.

Morris hat Tanten in Deutschland, welche ihn bisweilen unterstützen. Sein großes Ziel ist jedoch nicht Deutschland, sondern Holland, weil dort ein Familiennachzug nach einiger Zeit beantragt werden kann. Er möchte unbedingt seine Mutter und seinen 13-jährigen Bruder zu sich holen, damit die Familie wieder zusammen ist. Das ist sein großer Traum. Auch möchte er nochmals das Gymnasium besuchen und vielleicht studieren. Die Fächer Mathematik, Physik und Bio liegen ihm besonders. Er weiß, dass dies ein hochgestecktes Ziel ist, doch um dies zu erreichen, lernt er täglich auf YouTube niederländisch. Doch Syrien wird er nie vergessen.

Churuk ist glücklich in Deutschland angekommen!

Churuk ist glücklich in Deutschland angekommen!

Von Ursula Wohlgefahrt

Es ist schön, berichten zu können, dass wir einer Mutter mit zwei kleinen Töchtern vom Dschungel des alten Camps auf Samos bis nach Bremerhaven helfen konnten. Den letzten Schritt von Athen nach Deutschland hat Churuk mit ihren beiden Kindern alleine gemacht. Churuk wurde von Friedericke Wipfler vom Bayrischen Fernsehen einen Tag auf Samos begleitet, wie sie die Kinder zur Schule bringt und was ihre Schwierigkeiten und ihre Träume sind. Der Film ist hier zu sehen. Das Titelmädchen ist die 6-jährige Mirna. Die kleine Familie kommt aus dem Gaza-Streifen. Ich habe sie letzten Winter im Camp kennengelernt. Sie lebten in einer der Elendshütten im Palästinenser-Quartier im wilden Camp.

Churuk lebte mit ihren Kindern vom Januar bis Ende Juni 2021 in unserem Housing-Projekt auf Samos in einer kleinen Wohnung. Dann wollte sie die Pässe in Athen abholen und direkt zu ihren Verwandten nach Deutschland fliegen. Fehler in den Pässen haben sie dann nochmals in Athen weitere 4,5 Monate warten lassen. Space-Eye hat einen großen Beitrag an ihren Lebenshaltungskosten bezahlt, und die Kinder sind in Athen auch wieder in die Schule gegangen.

Nun hat Churuk einen Niederlassungsausweis in Bremerhaven für drei Monate erhalten. Den ersten Monat lebte sie in einem Lager, und heute hat sie mir freudig mitgeteilt, dass sie eine kleine, schicke Wohnung erhalten hat. Sie ist überglücklich, inzwischen dort angekommen zu sein, wo ihre Liebsten wohnen und hofft sehr, in Kürze Deutsch zu lernen und sich hier einzuleben.

Von Herzen wünscht das Housing-Team Athen und Samos Churuk und ihren Kindern wirklich nur das Beste.

„Wenn ich die Oud spiele und die Augen schließe, fühle ich mich wieder zu Hause!“

„Wenn ich die Oud spiele und die Augen schließe, fühle ich mich wieder zu Hause!“

Von Ursula Wohlgefahrt

Als Musiklehrer hat der heute 33-jährige Yassir früher in Hama, nördlich von Homs in Syrien, sein Geld verdient. Er unterrichtete hauptsächlich den Kindern in der Schule Solfège. Mit Solfège wird die Stimme und das Gehör gebildet. Doch seine große Liebe gilt der Oud, dem schönen Mandoline-artigen Saiten-Instrument, das im Nahen Osten gespielt wird. Bei Konzerten, an Hochzeiten und bei Festen verschmolz seine Seele. Wenn er Musik spielen kann, so ist er in einer anderen Welt.

Seine Frau ist Hauswirtschaftslehrerin und gibt noch heute Unterricht, jedoch schon lange nicht mehr in Vollzeit, seit die beiden eine kleine Tochter haben. Die Kleine ist nun zwei Jahre alt. Als sie drei Monate alt war, hat Yassir die Familie verlassen. Seine Frau wohnt jetzt bei den Schwiegereltern. Sie ist die einzige Tochter. Das wenige, das sie nun verdient, reicht ihr nicht zum Leben, aber mit der Unterstützung der Schwiegereltern kommen sie über die Runden. Der syrische Staat zahlt kaum mehr Löhne für Lehrer.

Yassir ist über die Grenze in die Türkei geflüchtet. Die Angst vor einem Einzug ins Militär, oder eine Entführung, war zu groß. Wenn es kritisch wurde, konnte die Familie ihn immer wieder verstecken.

Auf der Flucht war nicht alleine. An der syrisch/türkischen Grenze sind sie durch einen langen Tunnel, den Syrer zuvor gebuddelt hatten, unter der Grenzmauer durch auf allen Vieren in die Türkei gekrochen. Der Tunnel war dunkel und schmal und sehr lang. Es ist ihm wie eine Ewigkeit erschienen, bis er auf allen Vieren robbend das Ende des Tunnels erreichte und wieder frische Luft schnappen konnte, über und über voll von Erde und Blut.  Einmal drinnen gab es kein Zurück mehr, nur noch ein Vorwärts. An den Knien und am Kopf hat sich Yassir verletzt, da vergrabene Eisenstücke scharfe Kanten hatten und er sie in der Dunkelheit nicht gesehen hatte.  Doch es gab kein Ausruhen: Sie mussten schnellstens weg von der Grenze, zu Fuß über einen Berg und über einen Fluss bis nach Mersin. 15 Tage waren sie zu Fuß unterwegs. Dann sind sie mit einem Dolmus Bus nach Izmir gelangt. Hier war vorläufig Schluss. Covid hat die weitere Flucht vorläufig für sechs Monate verhindert. Für diese Zeit in Izmir haben ihm die Schlepper 3.000 Euro abgenommen, um dort ein Bett und ein Dach über dem Kopf zu erhalten. Nach sechs Monaten haben sie die Schlepper nach Sisme gebracht. Dort stand eine Jacht für sie bereit. Jeder der 25 Flüchtlinge hat den Schleppern 4.000 Euro bezahlt. Mit der Jacht ging es von Sisme bis nach Athen. Ein Cousin hat sie mit meinem Begleiter am Hafen von Athen erwartet und sie dann in eine Wohngemeinschaft WG für junge Leute nach Achernoun (Stadtteil von Athen) gebracht. Da das Geld inzwischen längst zu Ende war, landete er auf der Straße, konnte aber immer bei der armenischen Kirche am Mittagstisch dabei sein.

Nun hat auch er ein Bett in der Männer-WG von Space-Eye in Neos Kosmos erhalten und ist dafür sehr dankbar.

Das Schlimmste für ihn ist, dass er von Frau und Kind inzwischen schon seit einem Jahr und acht Monaten getrennt ist. Die Kleine hat er nur über WhatsApp aufwachsen sehen. Seine Familie hat für seine Flucht bis jetzt zwei Häuser verkauft, plus das Auto seines Schwagers. Jetzt ist er verschuldet und hat kein Geld für die weitere Flucht nach Holland. Die Schmuggler wollen für die Strecke Athen-Holland nochmals 3.500 Euro.  Viermal hat er es bereits versucht, mit dem Flugzeug nach Belgien zu fliegen. Viermal hat ihn die Polizei erwischt. Jetzt ist vorläufig ein Ende. Seine Familie kann kein Geld mehr beisteuern. Jetzt muss er unbedingt eine Arbeit suchen.

Die einzige rechtliche Möglichkeit heute, um seine Familie zu vereinen, ist Holland. Aber dazu muss er zuerst in Athen Arbeit finden. Wie durch ein Wunder haben wir im Fundus der Armenisch-Katholischen Kirche eine Oud gefunden: Vielleicht ist dies ja der Schlüssel zu einer baldigen Arbeit. Vielleicht!

Ashtar – allein auf der Flucht

Ashtar – allein auf der Flucht

Von Andrea und Lea Weaver

Heute sind wir mit drei Frauen aus dem Studio-Haus von Space-Eye und Firas (unserem Dolmetscher) bei der Pizzeria am Hafen zum Essen verabredet.

Ashtar, eine 53-jährige Sunnitin aus dem Irak, berichtet aus ihrem Leben. Das Schicksal hat ihr schwer zugesetzt.

Ashtar wurde mit 17 Jahren verheiratet. Als sie 18 Jahre alt war, verstarb ihr erstes Kind. Sie gebar zwei weitere Kinder, im Abstand von zwei Jahren. Ihr Ehemann ist seit 1990 im Golfkrieg verschollen. Ab diesem Zeitpunkt musste sie, vollkommen auf sich allein gestellt, für sich und ihre zwei Kinder, sorgen. Sie arbeitete, um zu überleben.

Ursprünglich stammt sie aus Bagdad. Gemeinsam mit ihren Kindern zog sie, ständig auf der Suche nach Arbeit und einem Ort, an dem sie sich wohlfühlen könnten, um. Unter anderem lebte sie zeitweise in Kirkuk, mehrmals in Bagdad (Irak) und in der Türkei. Sie lernte in dieser Zeit die türkische Sprache.

2019 kam Ashtar nach Griechenland, während ihre mittlerweile erwachsenen Kinder in der Türkei blieben. Sie lebte über 1,5 Jahre im Camp, bis sie die Gelegenheit wahrnahm, mit einer weiteren Frau, in eine Wohnung von Space-Eye zu ziehen. Ashtar ist gezeichnet von den Schicksalsschlägen, plagt sich mit gesundheitlichen Problemen, und wünscht sich nichts sehnlicher, als in ihr Traumland Deutschland überzusiedeln, um ihre Vergangenheit dort ablegen zu können.

Wie Fatou ihr Leben wiederfand

Wie Fatou ihr Leben wiederfand

Von Beatrix Szabo

Fatou ist mit ihren fünf Kindern in Athen angekommen. Angekommen nach der Flucht aus dem Kongo. Angekommen in der Wohnung vom Housing Projekt von Space-Eye Hellas.

Zehn Jahre zuvor hat sie zusammen mit ihrem Mann ihr Heimatland verlassen. Der Kongo ist immer noch ein Scherbenhaufen aus unklaren, kaum funktionierenden staatlichen Strukturen und gewalttätigen Rebellengruppen. Über 4,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Gegen Regierungskritiker gehen Polizei und Militär rücksichtslos vor. Auch Fatous Mann wurde politisch verfolgt. Mit Unterstützung der Verwandtschaft konnte Fatou mit ihrer Familie nach Angola fliehen. Die politische Lage dort ist stabil, und so hofften sie, ein neues Leben beginnen zu können. „In den acht Jahren, die wir dort lebten, unternahmen wir alles, um Teil der Gesellschaft zu sein, immer in der Angst entdeckt zu werden“. Eines Nachts kamen dann tatsächlich Männer, die behaupteten, von der Polizei zu sein und nahmen den Vater der Kinder mit. „Sie haben ihn entführt“, sagt Fatou mit Tränen in den Augen, „ich habe ihn sieben Monate gesucht“. Nach einem Einbruch und völliger Zerstörung der Wohnung flüchteten Fatou und ihre Kinder aus Angola.

Wir sitzen auf dem Sofa in ihrer Dreizimmerwohnung am äußersten Stadtrand von Athen. Neben mir die fünfjährige Moppe mit einer Schnupfennase. Dem traurigen Gesicht meiner Gesprächspartnerin sieht man die Strapazen der vergangenen Jahre an. Eigentlich ist sie eine tatkräftige, lebenslustige Frau, doch beim Erzählen kommen ihre schrecklichen Erlebnisse wieder ins Bewusstsein. Sie vermisst ihren Mann, ihre Verwandten. Sie stockt, braucht eine Pause und erzählt dann weiter.

Nach über 5000 km erreichen Fatou und ihre Kinder endlich Samos. Ihre Anerkennung bekam sie schon Anfang 2021. Aber mit der dadurch gewonnenen „Freiheit“ stehen sie – wie schon so oft vorher – vor dem Nichts. Alle Bezüge und Unterstützungsleistungen entfallen! So lebte sie mit ihren Kindern im Dschungel in einem selbstgefertigten Zelt aus Stofffetzen und Plastik. Kaum vorstellbar, was das für eine alleinstehende Frau bedeutet. Eine junge Frau, alleine mit fünf Kindern, steht praktisch von heute auf morgen auf der Straße, in einer fremden Stadt, in einem fremden Land, umgeben von fremder Sprache und fremden Sitten und Gebräuchen. Willkommen in Europa!

Uschi „fand“ die Familie und unterstütze sie zunächst aus privaten Spenden. Nachdem sie auf Samos keine Wohnung für sie mieten konnten, wurde dann mit weiterer Unterstützung der Organisation Helios für die Familie eine Wohnung in Athen gefunden. Marie-Therese, die Sozialarbeiterin von Space-Eye hilft ihnen bei Behördengängen, Schulangelegenheiten, der Besorgung von Möbeln und Kleidung. Die Familie – sowieso schon zweisprachig – will Griechisch lernen, aber Fatou wird immer verzweifelter. Das Erlernen der fremden Sprache ist zu schwierig. Sie möchte arbeiten, mit anderen Menschen sprechen, sich integrieren. Sie ist traurig, wirkt zerbrechlich.

Uschi: „Mitte Dezember bat Fatou Marie-Thérèse und mich um Entschuldigung, sie könne einfach nicht anders, sie habe es versucht mit allen Mitteln in Athen Fuß zu fassen, aber ohne Erfolg.“ Mit dem Beitrag für den Lebensunterhalt für Dezember kaufte Fatou Tickets, und sie flogen kurz vor Weihnachten nach Frankfurt und fuhren von dort mit dem Zug nach Frankreich.

Uschi: „Gestern Abend hatte ich ein langes Telefongespräch mit Fatou. Sie war völlig ausgewechselt. Sie sendet uns herzlichste Grüße aus Le Havre“. Zurzeit leben sie in einer Wohnung in einer Flüchtlingsunterkunft. In Frankreich hat man ihr Hilfe versprochen. Die Kinder sollen gleich eingeschult werden. Sie ist überglücklich. Fatou kann endlich wieder mit Menschen, in einer ihr bekannten Sprache reden. Ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Immer wieder zwischen dem Erzählen hat sie unterbrochen und mitgeteilt: “Merci mille fois maman pour toutes, merci!” „Vielen Dank Mama für alles, vielen Dank!“

So wie Fatous Wohnung mietet Space-Eye Hellas auf Samos seit über einem Jahr und in Athen seit ca. einem halben Jahr fast 25 Wohnungen. Über 300 Menschen leben und lebten in den Wohnungen. Fanden ein Zuhause, eine Zuflucht, Ohren und Herzen, die zuhören, Mitgefühl haben und weiter helfen auf dem Weg.

Die “taz” über unser Satelliten-Projekt

Die “taz” über unser Satelliten-Projekt

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Unsere Managerin in Athen: Marie-Thérèse

Unsere Managerin in Athen: Marie-Thérèse

Von Beatrix Szabo

Junge Männer sprechen mit ihr über nie Gesprochenes, Folter und Gewalt vom Krieg in Syrien und Afghanistan. Marie-Thérèse, die Sozialarbeiterin bei Space-Eye Hellas, arbeitet zusammen mit Uschi Wohlgefahrt im Housing Projekt in Athen und begleitet geflüchtete Menschen.

„Manche von ihnen kommen für zwei bis drei Wochen, ziehen weiter“, sagt sie. Marie-Thérèse kommt aus dem Libanon, hat griechische Wurzeln und spricht fünf Sprachen. Das ermöglicht ihr auch den Kontakt zu Fatou, die mit ihren fünf Kindern aus dem Kongo geflüchtet ist und nun von Space-Eye Hellas unterstützt wird. Dort wird sie von der Familie umarmt und herzlich begrüßt. Bei ihrem Besuch erfährt sie, dass die Kinder Schuhe brauchen und organisiert über Attika Human Support alles Nötige.

Sie unterstützt beim Ausfüllen der Papiere, hilft den Kindern beim Start in die Schule und ist mit offenem Ohr und großem Herzen Ansprechpartnerin für die Sorgen und Ängste vieler geflüchteter Menschen. Sie kennt das aus ihrem Land, hat es selbst erlebt. „Vor einigen Tagen habe ich eine Frau aus Afghanistan mit einem zweijährigen Kind auf der Straße gesehen und habe eine Wohnung für sie gefunden“, sagt sie. Ich frage nicht, ob sie Papiere haben. Die Not wird immer größer, denn Geflüchtete, die eine Aufenthaltsbewilligung erhalten haben, werden aus den Camps entlassen und fallen nach 30 Tagen aus der Versorgung. Sie stehen dann auf der Straße mit nichts.

Und das Elend wächst weiter, denn Ende Dezember wird das Eleonas Camp geschlossen. Dort leben zur Zeit 2500 dort Menschen. „Wo werden sie leben? Niemand weiß es“. Space-Eye setzt sich auch dort ein. Zusammen mit Attika Human Support sorgen wir dafür, dass so viele Menschen wie möglich mit dem Nötigsten versorgt werden.